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Sprache zur Verwirklichung von Verbundenheit

 

 

 
 
 
 
 
Foto: Daniel Biber 2018: Staren-Schwarm in Bewegung (Quelle: Pinterest)

 

In den letzten Beiträgen habe ich immer wieder Trennendes in der Sprache beschrieben. Jetzt möchte ich einmal beim Verbindenden bleiben. Dazu gehe ich einer These nach:

Alle Menschen sind miteinander in der Biosphäre verbunden. Und: Diese implizit und systemisch bestehende Verbundenheit strebt nach Realisierung in der beobachtbaren Welt.

Die Verbundenheit als eigene systemische Einheit betrachtet strebt zur Erscheinung durch Kommunikation und Kooperation ihrer Teilsysteme (auch Agenten genannt)[1]. Wir Menschen haben schließlich alle denselben Ursprung, dieselben Urahnen. Immerhin atmen wir alle die Luft derselben Atmosphäre ein und aus. Immerhin ernähren wir uns von Pflanzen und Tieren, die auch zu unserer Biosphäre gehören und letztlich einen gemeinsamen Ursprung haben. Wir sind alle Teile desselben Übersystems, der Biosphäre.

So erscheint es nur natürlich, dass wir – nachdem wir als körperlich abgenabelte und begrenzte Einzelwesen in diese Welt geboren sind – danach streben, unsere tiefe systemische Verbundenheit wiederzufinden und zum Ausdruck zu bringen. Das tun wir u. a., indem wir mit unseren Mitmenschen kooperieren, sinnliche Nähe suchen und als Erwachsene im Geschlechtsakt sogar so kokreativ vereinigen können, dass Ei- und Samenzelle zusammenfinden zu einem neuen Menschen. Das hat teilweise auch ohne Sprechen ganz gut funktioniert.

Aber wenn ich mich mal von meinen Liebsten entfernt habe und wieder zurückkomme, trennen mich meine alleine gemachten Erfahrungen von ihnen. Ich will meine Erfahrungen mitteilen und vergemeinschaften. Das ist einer von zwei Hauptgründen für das Entwickeln von Sprache. Dazu brauche ich zur Sprache immer wieder Pausen zum Einstimmen.

Der zweite Hauptgrund zum Sprechen sind in die Zukunft gerichtete Vorhaben. Um mit anderen etwas zu unternehmen, ein praktisches Ziel zu erreichen, muss ich ihnen meine Absicht mitteilen. Dazu ist das Sprechen hilfreich bis unersetzlich. Um mit anderen ein Haus zu bauen, muss ich das absprechen. Sprache dient mir immer zum Wieder- und Neu-Verbinden wie auch zum Kooperieren selbst bei räumlicher Trennung.

Die Komplexität der Verbundenheit

Wie gerade angedeutet ist die Verbundenheit in der Biosphäre extrem komplex. Schon in meiner Familie ist die gefühlte und gelebte Verbundenheit so komplex, dass ich mit Worten nur kleine Teilaspekte davon beschreiben kann. In meiner Gemeinschaft und meinem Biotop ist sie noch komplexer. In meiner Nation und Kultur sind die wechselseitigen Dynamiken wiederum dimensional komplexer – da kenne ich nur einen kleinen Bruchteil der in ihr verbundenen Menschen und weiteren Teilsysteme. Wie komplex sind erst meine Beziehungen in der Biosphäre?

Angenommen, ich habe innere Antennen, Sensoren für unterschiedliche Aspekte der Verbundenheit: Temperaturfühler für die Temperatur meiner Umgebung und meines Körpers, Gasfühler für den Sauerstoff und Kohlenoxidgehalt der Luft und anderer Gase und Chemikalien außen und innen, Resonanz-/Spiegelneuronen für das Befinden meiner Mitmenschen (Mitgefühl), Sensoren für den Zustand der Natur um mich herum… – womöglich habe ich auch noch Antennen für das Empfinden und Befinden von Menschen aus Afrika, Südamerika, Indien… und für den Zustand der Natur insgesamt? Gibt es zur Beschreibung all dieser wahrgenommenen Verbundenheit in ihren einzelnen und veränderlichen Aspekten genügend und treffende Worte? Oder muss ich mich damit begnügen, dass ich immer nur Bruchstücke bewusst wahrnehmen und kommunizieren kann?

blankGrafik: Im Laufe der Evolution der Lebewesen wurde die Kommunikation und Kooperation zwischen Individuen immer komplexer – womöglich entsprechend der evolutionären Tendenz nach (An-)Passung von Lebewesen an ihre mehrdimensional komplexere Kohärenz der Umwelt.

So ist unsere Sprache von vornherein ein Versuch mit sehr begrenzten Möglichkeiten, die tatsächlich vorhandene Verbundenheit auszudrücken. Eine andere Sprache in einer anderen Kultur drückt andere Aspekte der Verbundenheit aus und realisiert andere Aspekte. Mit einem Verstehen anderer Sprachen und Kulturen kann ich mein Verstehen der Möglichkeiten der Verbundenheit erweitern. Weiter kann ich die Begrenztheit der eigenen Sprache klarer reflektieren.

Allerdings kann ich mich mit dieser prinzipiellen Beschränkung der Sprache auch zufriedengeben. Ich kann mir und dir sagen, dass es ok so ist, wie es ist, und mich darüber freuen, dass wir uns mit Hilfe der Sprache über unsere Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen ebenso austauschen und abstimmen können wie über womöglich neue Kooperationen. Vernetzungen, die wir miteinander knüpfen, schaffen Konkretisierungen einer möglicherweise vorab bestehenden impliziten Verbundenheit. Durch vernetzte Kooperationen kann die Verbundenheit sich explizit kokreativ entfalten. Diese sind dann unsere Verwirklichungen der vorbestehenden impliziten Verbindungen. Dazu dient Sprache.

Babylonische Sprachverwirrung

Dabei erleben wir häufig, dass Menschen mit denselben Wörtern ganz unterschiedliche Dinge meinen. Dazu habe ich den letzten Beiträgen in diesem Blog schon eine Reihe von häufigen Beispielen aufgeführt. So erscheinen schon innerhalb einer Sprache das Verstehen und Kooperieren allein mittels Sprache (wie z. B. über E-Mails) oft schwierig. Ich muss möglichst den ganzen Menschen erleben, um seinen Worten die passende Bedeutung zu geben. Und selbst dann kann sich nach einer Weile herausstellen, dass wir aneinander vorbeigeredet haben, dass ich unter seinen explizierten Absichten etwas anderes verstanden habe, als er umsetzen konnte. Noch viel schwieriger wird es, wenn ich mit einem amerikanischen Kollegen über eine Kooperation zu einem gemeinsamen Artikel spreche. Ich erinnere mich an die babylonische Sprachverwirrung.

Schon vor Abrahams Zeiten – kurz nach der Sintflut – soll es in Babylon eine Sprachverwirrung gegeben haben. Diese soll dazu geführt haben, dass der König Nimrod mit den Babyloniern seinen Turmbau nicht weiter schaffen konnte. Ohne ein Absprechen der jeweils nächsten Schritte konnten diese nicht mehr kooperieren.

Ähnlich fühle ich mich heute oft, wenn ich in Medien, wie auch Büchern lese: oft schöne Worte, die in meiner Vorstellung einen Kartenturm formen, dessen Karten plötzlich an bestimmten Punkten nicht zusammenpassen – mit der Wirkung, dass der ganze Turm in sich zusammenfällt. Diese Tendenzen sehe ich heute noch verstärkt, wenn die Sprache in Medien von der sog. Künstlichen Intelligenz KI produziert wird. KI will und kann nicht kokreativ kooperieren, sondern nur Befehle ausführen und Kartentürme konstruieren.

Ein gemeinsames und neues Verstehen der Sprache?

Mir hilft ein vorhandenes Bewusstsein und Empfinden der Verbundenheit mit anderen Menschen sowie mit der Natur auch jenseits der Sprache. Und auch jenseits der Emotionen, die oft trennend sind und schmerzhaft. Wenn wir unsere Schmerzen, die im Leben immer wieder mal auftreten können, als individuellen Trennungsschmerz verstehen, so kann uns dieser darin erinnern, dass es hinter und über dem sichtbaren Getrenntsein eine größere lebendige und tiefere Verbundenheit gibt – eine systemische, (virtuelle) metaphysisch und gleichzeitig physisch funktionelle, informierende.

Wenn ich mit diesem Bewusstsein von tiefer und informierender Verbundenheit meinen Mitmenschen begegne, komme ich in die Lage, hinter allen sprachlichen, ggf. gefühlsmäßig trennenden Widersprüchen, Kritiken, Meinungsverschiedenheiten und Anfeindungen eben diese menschlich natürliche und lebendige Verbundenheit zu erkennen. Ich kann immer öfter verstehen, wie es trotz der tiefen impliziten Verbundenheit zu derlei Gegensätzlichkeiten kommen konnte und kann. Das ist ein Verstehen einer Wahrheit, die hinter der Sprache liegt. Indem ich darüber spreche, kann ich diese Wahrheit auch in die gelebte Wirklichkeit bringen.

Bei Anna Greinetz möchte ich mich für das Lektorieren und konstruktive Vorschläge zu dem Post bedanken!

Theodor Dierk Petzold

[1] Bertalanffy L v (1949,1990) Das biologische Weltbild. Böhlau Verlag Wien, Köln 1990;

Luhmann N (1987) Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp;

Petzold TD, Henke A (2023) Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Leben. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung.

Sprache zur Verwirklichung von Verbundenheit

Frieden in der Sprache mitgestalten

blankAlle Menschen, die ich kenne, sagen, dass sie Frieden wollen. Auch sonst habe ich von keinem gehört oder gelesen, dass er für Krieg ist. Wie kommt es, dass trotzdem immer wieder Krieg geführt und dafür gerüstet wird? Und warum rechtfertigen so viele Menschen den Krieg dann irgendwie und machen ihn mit? Sind das Folgen von Hirnwäsche?

Heute ist eine, allerdings nicht als solche deklarierte, kognitive/ psychologische Kriegsführung (Kriegspropaganda) recht verbreitet. Da ist die Frage nicht nur langfristig, sondern sogar sehr aktuell, ob und ggf. wie wir ganz explizit in der Sprache und damit ganz besonders in den Medien sinnvolle Friedensarbeit leisten können?[1] Wie können wir eine friedvolle Sprache kultivieren?

Psychologische Sicht auf Macht-Opfer-Muster

Psychologisch gesehen ist das Ausgangsgefühl für Krieg in aller Regel, dass man selbst oder nahe Mitmenschen Opfer einer existentiellen Bedrohung ist bzw. sind; oder dass man Angst hat, Opfer zu werden. Ein solches Gefühl von Opfer-sein entsteht auch durch Ausschluss aus einer Gemeinschaft. In Naturvölkern kam das einer Todesstrafe gleich. Für Kinder, die abhängig von der Familie sind, ist es gefühlt genauso. So entsteht dieses angstvolle Opfergefühl mit einer erhöhten Aktivität des neuroendokrinen Aversionsmodus (s. Petzold & Henke 2023) in vielen Menschen, ohne dass sie eine beobachtbare ‚objektive‘ Bedrohung erlebt haben müssen. In diesem Gefühl von Angst vor einer Bedrohung, ich nenne es Opfermodus, werden Menschen bereit zu kämpfen, um den (potentiell) bedrohlichen Täter unschädlich zu machen. In den abrahamitischen monotheistischen Religionen war und ist die Bedrohung durch Ausschluss aus dem auserwählten Volk, als Ungläubige bzw. Heiden eine ständige Quelle von Angst, die Gegenwart eines latenten Opfermodus, wenn man nicht den Anweisungen der Heiligen Schrift bzw. der Stellvertreter Gottes auf Erden befolgte.[2]

Wenn man selbst im psychologischen Opfermodus ist, hat man Existenzangst und nicht mehr das Gefühl, etwas Äußeres verlieren zu können. Gefühlt kann man in diesem Modus nur gewinnen (Zuckerbrot) – zumindest Sicherheit und Macht und Kontrolle gegenüber dem (potentiellen) Täter. In der politischen Sprache heißt es Verteidigung, und Angriff ist die beste Verteidigung. Wenn es uns gerade gut geht, werden uns Bilder gezeigt und Geschichten erzählt von Menschen, die verletzt werden. Dann finden wir aus unserem Mitgefühl (und womöglich einem unbewussten, auch kollektiven Opfermodus) heraus den Kampf zum Neutralisieren einer potentiellen Bedrohung gerecht und unterstützen den Krieg. Wenn jede Regierung nun ihrem Volk entsprechende Bilder und Geschichten von anderen Systemen vor Augen hält, werden viele BürgerInnen bereit, in den Krieg zu ziehen, aufzurüsten und für den Krieg zu spenden usw. – trotzdem sie eigentlich Frieden  wollen.

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Verbales Triggern von Opfergefühlen

Im psychologischen Opfermodus ist das Fühlen und Denken des Menschen zweckmäßigerweise eingeengt auf die Bedrohung, um diese genau zu analysieren, ihre Schwachstellen zu finden und darauf, die eigene Stärke (Resilienz) aufzubauen, um die Bedrohung zu neutralisieren. Es ist die Einstellung im neuropsychischen Aversionsmodus, in dem unser Stresssystem aktiviert und die Handlungsbereitschaft erhöht ist. Dieser in bestimmten Situationen zweckmäßige Opfermodus kann also über die Sprache und Medien angeregt werden durch entsprechende Geschichten und Bilder und auch durch die Androhung von Ausschluss. Wenn kritisierende Begriffe wie Leugner, Kollaborateure mit dem Feind, PutinVersteher, rechts-populistisch, rassistisch, antisemitisch u.Ä., nicht mehr als Kritik an einer Meinungsäußerung und Aufforderung zur Diskussion gemeint sind, sondern mehr als moralisches Urteil zum Ausschluss aus der Gemeinschaft, wird die Macht-Opfer-Dynamik getriggert. So entsteht bei vielen entweder ein Gefühl von Ausgeschlossensein (Opfermodus) oder – und das ist die für die Kriegführung gewollte Wirkung – eine Angst vor dem Ausschluss, vor der Peitsche, und damit eine Aktualisierung eines alten Gefühls von Opfer-sein und Hoffnung, dass die Regierung den „bösen Riesen“ (vgl. Don Quijotes sprichwörtlichen Kampf gegen die Windmühlenflügel) bändigen wird. Das hat eine Folgsamkeit bei der Kriegführung zur Folge. Dafür winken dann zumeist noch versprochene Belohnungen (Zuckerbrot) wie Freiheit, Lob, Zugehörigkeit, Sold u.a.

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Frieden in der Sprache kultivieren

Der Sprachraum wird top-down und bottom-up gestaltet. Früher waren für die Gestaltung des Sprachraums wesentlich die SchamanInnen, PredigerInnen und RegentInnen maßgeblich. Allerdings haben auch sie sich der Sprache der einfachen Menschen bedienen müssen, wenn sie verstanden werden wollten. So kam die einfache Sprache indirekt auch in die Weisheitsbücher. Heute wird die Sprache über LehrerInnen an Schulen vermittelt und es gibt eine Jugendsprache, die sich über Peergroups und sog. social-media ausbreiten und über Jahre und Jahrzehnte Eingang in die Alltagssprache finden. Inzwischen wird das „Jugendwort des Jahres“ gekürt, das auch über viele Massenmedien verbreitet wird.

So können wir mit einer Mitgestaltung des Sprachraums beim Sprechen mit anderen Menschen beginnen – ganz gleich welchen. Eine bewusst friedvolle Sprache kann Resonanz auch bei JournalistInnen finden, die diese womöglich in ihren Medien umsetzen…

Eine friedvolle Sprache beginnt damit, dass wir

  1. Mehr über Frieden sprechen: Was bedeutet Frieden für dich und für mich und für uns? Wie können wir immer wieder in Frieden zusammenkommen? Frieden ist wertvoll. Was können wir selbst und was können PolitikerInnen für anhaltenden Frieden tun?
  2. Mehr über unsere Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen austauschen; darüber, was mir jeden Tag und im Leben allgemein Sinn macht: Was motiviert mich und was dich? Wo haben wir möglicherweise eine gemeinsame Intentionalität zu aufbauenden Zielen?
  3. Möglichkeiten der Integration von bislang Ausgeschlossenem auch von Bedrohlichem und ungewünschten Emotionen suchen – in einer übergeordneten Dimension der Biosphäre und dynamisch evolutionären Sichtweise kann alles seinen Platz finden. Frieden ist der Anspruch auf Integration/Inklusion von bisher Ausgeschlossenem unter Respektierung seiner Qualität/Information (bei weitgehendem Gewaltverzicht).
  4. Menschen in ihrem Handeln, Fühlen und Denken verstehen wollen – nicht verurteilen: Allparteilichkeit.
  5. Zur Diskussion und Kritik stehen nur die Handlungsweisen und Denkmuster – nicht die Menschen. Dazu gehört auch ein weitgehender Verzicht auf Urteilen über Menschen, moralische Schubladen, Vorwürfe, einseitiges parteiergreifen und ständiges Retten wollen, ohne gefragt worden zu sein.

Womöglich hast Du noch weitere Ideen, gute Erfahrungen und Vorschläge für eine Frieden stiftende Sprache? Bitte teile diese hier.

Bei Anna Greinetz möchte ich mich besonders für das Lektorieren und konstruktive Vorschläge zu dem Post bedanken!

Theodor Dierk Petzold

Hier ist der Link zu dem kostenlosen Vortrag „Krieg und Frieden aus psychologischer Sicht.

Informationen zur Veranstaltungsreihe „Selbstbestimmt statt Ohnmacht – Kooperieren als Ausstieg aus der Macht-Opfer-Dynamik“ findest du hier.

[1] Mit der Sprache konstruieren wir unsere Realität in unterschiedlichem Sinne, vgl. Felder & Gardt (Hg.)(2018) Wirklichkeit oder Konstruktion? Berlin: De Gruyter; www.degruyter.com.

[2] Als systemisch denkender Mensch suche ich bei Äußerungen und Beziehungen von Systemen nach dem Ursprung in den Anfängen des Systems. Gibt es dort das Thema? Deshalb habe ich angesichts des anhaltenden und immer wieder aufflammenden Krieges zwischen den (islamistischen) Hamas und der (orthodox jüdischen) israelischen Regierung nach der Geschichte Abrahams gesucht, dem Urvater der monotheistischen Religionen. Wenn die Heilung am tiefsten Punkt der Verletzung stattfindet (s. Ben Aharon zitiert von Rolf Bastian in Der Mensch 49 2/2014 S. 8f), so könnte es in Bezug auf religiös begründete Kriege beim Schöpfer der Religion sein. Wo war bei Abraham das Opferthema? Abraham war bereit, seinen Sohn auf Geheiß Gottes hin zu opfern. Dazu hatte er ihn schon am Altar festgebunden (deshalb „Bindung Isaaks“), um ihn zu töten. Gerade noch rechtzeitig kam dann ein Botschafter Gottes, der meinte, dass dieser Beweis der „Gottesfurcht“ Abrahams genüge, und Isaak leben bleiben könne. Hier ist in der Geschichte des Urvaters der drei monotheistischen Religionen schon die Botschaft, dass deine Furcht vor Gott und seiner Strafe (Peitsche) größer sein soll als die Liebe zu deinem Kind. Kinder sind hier (potentielle) Opfer und damit religiös getaufte Krieger. Das Thema der Prägung des Sprachraums durch Religionen wird das Thema des nächsten Beitrags hier sein.

Massenmedien und Sprache als Mitgestaltungsraum

Wenn wir den Sprachraum als Mitgestaltungsraum wollen…?

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Im miteinander Reden teilen wir unsere Bedürfnisse und Anliegen mit, unsere evolutionär entwickelten und erprobten Instinktmuster, unsere Kenntnisse sowie unsere intuitiv erfassten Informationen aus womöglich geistigen Quellen. Der verbale Austausch dient dem Abstimmen unseres Miteinander-Lebens sowie letztlich unserem Kooperieren zum Zwecke eines guten Lebens für möglichst Alle. Im Sprachraum kokreieren wir die Zukunft. Dabei spielt auch die Kommunikation über wahrgenommene Bedrohungen und den Umgang damit eine wichtige Rolle.

Dieser ursprünglich und originär kokreative Sprachraum erfährt heute allerdings einen Übergang ins Ungewisse – ganz besonders durch die Einseitigkeit und Kommerzialisierung der Top-down-Struktur der Massenmedien. Massenkommunikation ist fast gänzlich einseitig und damit eine Machtausübung mittels Sprache (s. Kommentar von Susanne Sußner vom 1.11.2023).

Sprache als Machtinstrument

Heute wird so der Sprachraum über Massenmedien weitgehend von wenigen Menschen und Organisationen top-down dominiert. Von einer 4. Gewalt im Staate ist die Rede, die (noch) nicht bottom-up-demokratisch legitimiert ist. Sie ist als Teil der kapitalistischen Marktwirtschaft wesentlich kommerziell geprägt. Im blankkapitalistischen Wettbewerb zählen hohe Verkaufszahlen. Diese werden erreicht, indem Medien die Aufmerksamkeit der Massen auf psychologischer Basis durch emotional tangierende Schlagzeilen und Aufmachung wecken und einfangen (vgl. „Sozialmedizinische Fallstudie“ von Petzold).

Zur Psychologie der Aufmerksamkeit

An dieser Stelle kommt die Psychologie ins Spiel, die sich die Werbe-, Kommunikations- und Medienpsychologie zunutze machen, um den Verkauf zu optimieren. Die Aufmerksamkeit der Massen lässt sich kurzfristig am besten erreichen durch Bedrohungsmeldungen – egal, ob und in welchem Ausmaß diese wirklich vorhanden sind – sowie Berichte von Persönlichkeiten mit großem Ansehen.

Dass wir angesichts von Bedrohungen schnell agieren, um diese abzuwenden, macht evolutionsbiologisch und psychologisch Sinn. In unserer Zivilisation und für die Massen haben wir in aller Regel allerdings genügend Zeit, um überlegt, in Ruhe und Vorbereitung auf Gefahren zu reagieren. Ständige Krisenmeldungen erzeugen nur unnötigen Stress und Angst und machen manipulierbar. Das wird als Überlebenskampf gerechtfertigt. Allerdings brauchen wir für unser nachhaltiges (Über-)Leben in Gesundheit und Wohlergehen, für unsere Salutogenese vielmehr Gelassenheit, Ruhe, Langsamkeit, Entspannung und Kreativität und eine gesellschaftliche Abstimmung über positive Ziele (s. Petzold & Henke 2023). Vermutlich wären Schlagzeilen zum Thema eines guten Lebens und Frieden überall für viele langweilig. Damit können die Verlage im Rahmen kapitalistischer Konkurrenz vielleicht nicht genug Gewinn machen.

Neuropsychologisches Verstehen

Die menschliche Psychologie wird von drei Grundmotivationen bestimmt, die jeweils neuronalen und hormonellen Netzwerken zugeordnet sind (s. Petzold & Henke 2023). Es sind 1. die langfristig übergeordnete Kohärenzmotivation, die nach einem stimmigen, passenden Leben mit der Umwelt strebt (verknüpft mit dem Präfrontal-Cortex PFC, Serotonin, Parasympathikus); 2. Die Appetenzmotivation, die nach Belohnung, wie Lusterleben z.B. durch Nahrungssuche und -aufnahme sucht (Lustzentren im Gehirn, Dopamin, kann sowohl mit dem 1. und 3. neuronalen Motivationssystem verknüpft sein); und 3. Die Aversionsmotivation, die Sicherheit durch Abwenden von Bedrohungen erreichen soll (Mandelkern, Adrenalin, Kortisol, Sympathikus, Stresssystem).

Alle drei Grundmotivationen sind in jedem Menschen von der evolutionären Anlage her vorhanden und können durch Umwelteinflüsse angeregt werden. Unsere Umweltbeziehungen werden über diese Grundmotivationen geregelt. Für ein gesundes und gutes Leben brauchen wir ein gutes Zusammenspiel dieser drei motivationalen Systeme. Für unser Thema hier ist besonders die Anregung durch Sprache interessant. Verbale Kommunikation erreicht bei vielen Menschen ihre tieferen Schichten der Motivation nicht so schnell und leicht. Es braucht dazu dann Bilder und häufige Wiederholungen.

Psychologische Kommunikations- und Interaktionsmuster

Durch ständige Bedrohungen wie Krisenszenarien in Massenmedien geschieht massenpsychologisch nun folgendes. Es bilden sich (mindestens) drei große Gruppen oder Kategorien von BürgerInnen:

  1. Immer mehr Menschen gucken und lesen zur eigenen Psychohygiene keine Nachrichten und Schlagzeilen mehr – als Selbstschutz, um noch hinreichend im gesundheitsförderlichen Kohärenzmodus zu bleiben.
  2. Die zweite Gruppe erscheint mir zur Zeit (noch?) als die größte: Sie konsumieren die bedrohlichen Nachrichten und Schlagzeilen und resonieren im Aversionsmodus. In diesem Gefahren-Abwendungsmodus entsteht ein instinktives Täter-Opfer-Rächer/Retter-Interaktionsmuster. Dabei strebt jeder, der sich bedroht fühlt (als potentielles Opfer) nach genügend Macht und Verbündeten, um potentielle Täter abzuwenden, zu neutralisieren (= Rache, Vergeltung, Verurteilung, Präventivschlag), und ggf. um Opfer zu retten. Es entsteht eine Macht-Opfer-Dynamik, die leicht zur Eskalation von Konflikten sowie zur Aufrüstung führt.
    Diese große Gruppe, die im Aversionsmodus entsprechend auf die bedrohlichen Nachrichten resoniert, spaltet sich auf in zwei Untergruppen:
    1. Diejenigen, die inhaltlich der Benennung des bedrohlichen Feindes durch die Massenmedien zustimmen und Partei gegen diesen ergreifen, der sog. Mainstream;
    2. Diejenigen, die zwar auch im Aversionsmodus resonieren, aber der Benennung des Feindes widersprechen, diese ablehnen und den sog. Mainstream kritisieren oder gar bekämpfen.
  3. Die dritte Gruppe ist schwankend. Sie lesen und hören gelegentlich die Nachrichten über die Bedrohungsszenarien, ohne sich davon jeweils sehr anstecken zu lassen. Sie identifizieren sich mal mit dem einen, mal mit dem anderen oder mit keiner Partei. Sie finden zwischendurch immer wieder in ihre Stimmigkeit, ihren Gelassenheitsmodus, zu ihren Bedürfnissen, Anliegen und Ansichten – zu ihren Ressourcen zu friedlichen Lösungen.

Schlussfolgerungen zur Lösung der verletzenden Muster

Um diese Kommunikationsmuster im Abwendungsmodus heilsam zu lösen, hilft einerseits deren Erkennen und Metareflexion, um dieses Muster rechtzeitig abzubrechen. Weiter bräuchte es die (Selbst-?)Disziplin der Medien und AutorInnen, dass diese bei jeder geschilderten Bedrohung auch Anliegen, Ideen, Gedanken und Ansätze zur Lösung nennen und (zumindest) Fragen danach stellen. Dadurch können LeserInnen und KonsumentInnen angeregt werden, nach Lösungen zu suchen, ihre eigenen lösungsorientierten Bedürfnisse und Anliegen zu finden und zu kommunizieren und nicht ausweglos in der instinkthaft geprägten, zur Eskalation neigenden und stressenden Macht-Opfer-Dynamik hängenzubleiben.

Um das zu gewährleisten, könnte ein demokratisch legitimierter, von der Politik und Ökonomie unabhängiger Rat eine Aufsicht über die Massenmedien, die 4. Gewalt, führen. Medien müssen unabhängig vom kommerziellen Markt und der Politik und Lobbys sein. Sie sollen Kommunikationsforen für die Menschen bieten, in denen diese ihre wichtigen Anliegen austauschen und abstimmen können.  Dazu sollen Medien mehr Möglichkeiten zur aktiven Beteiligung der Massen kultivieren. So könnte womöglich auch im Feld der medialen Massenkommunikation ein erweiterter kokreativer Sprachraum hergestellt werden.

Theodor Dierk Petzold

Einladung zu einer Metareflexion von Sprache

Sprache lernen

Wenn Eltern ihren Kindern schöne Geschichten erzählen oder vorlesen, können die Kinder in Resonanz mit dem emotional gefärbten Tonfall der Stimme und mit den Inhalten der Geschichte gehen. So wird eine positive Resonanzbeziehung zwischen ihnen mittels Sprechens aufgebaut. Hier ist die Wirkung beim Kind zum einen abhängig von den Emotionen des Vorlesenden und zum anderen von den Inhalten der Geschichte, inklusive der beschriebenen Rollen, mit denen sich das Kind identifizieren kann. Die Resonanzvorgänge führen zur Aktivierung von Zentren und zur Verschaltung von Neuronen im Gehirn: Die Worte werden mit Empfindungen verknüpft. Diese können sich gut und stimmig anfühlen, Lust anregen oder Angst und Stress verursachen. Wenn die sinnlich aufgenommenen Informationen im Kind Resonanz gefunden haben, werden sie autonom verarbeitet. Der Mensch ist ein informationsverarbeitendes Wesen. Dabei strebt das Gehirn nach Kohärenz, nach Übereinstimmung aller Erfahrungen und konstruiert aus den unterschiedlichen Eingängen ein Gesamtbild. Dieses soll für das Leben möglichst aufbauend sein.

Zur Entwicklung der Sprache in einer systemischen Holarchie[1]

blankSprechen ist kultiviertes Kommunizieren. Zum einen sprechen Menschen über ihre in die Zukunft weisenden Wünsche, Anliegen und Visionen – ihre Intention; und zum anderen über Erfahrungen, Gewordenes, Beobachtetes, das aus der Vergangenheit stammt. Wir sprechen, um uns miteinander abzustimmen. Insbesondere dient Sprache der Kommunikation von aktuell nicht sinnlich wahrnehmbaren, also abstrahierten Informationen. Dies ist charakteristisch für die kulturelle Lebensdimension (s.o. Grafik; Petzold & Henke 2023: „Motivation…“; Petzold 2022 „Schöpferisch kommunizieren…“).

Sprachräume 1.0 bis 3.0

Beim lebendigen Sprechen in Präsenz werden die Bedeutungen der Worte und Sätze durch Ton/Stimme (wie Falk Fischer in seinem Kommentar vom 1.11.23 zum letzten Beitrag in diesem Blog schön ausgeführt hat), durch Mimik, Gestik, Haltung, Geruch und Umfeld(-beziehungen) geprägt und deutlich.[2] Dieses Phänomen sei hier die Sprache 1.0 bzw. Sprachraum 1.0 genannt.

Mit der Verschriftlichung der Sprache und besonders mit dem Buchdruck entsteht Sprache 2.0: Zusätzlich zur sinnlich und intern-extern abgestimmten Sprache 1.0 ein zunehmend, von sinnlich wahrnehmbaren Bedeutungen gelöster, abstrakter Sprachraum. Die LeserInnen können die Wahrhaftigkeit des Geschriebenen nicht mehr mit eigenen, sinnlichen Wahrnehmungen des Autors überprüfen. Im Volksmund entstand die Redewendung: „Der lügt wie gedruckt.“ Mit Hilfe von Drucksachen verbreiten sich gute wie schlechte Ideen und regen viele Menschen inspirierend an – unabhängig von einem Kontakt zum Autor. Die LeserInnen können im Austausch mit anderen selbst darüber bestimmen, ob sie die Schriftstücke gut oder schlecht finden, womit sie positiv oder negativ in Resonanz gehen, was sie stimmig oder unstimmig empfinden.

Insgesamt kann man allerdings festhalten, dass die Entwicklung des Lese- und Schreibvermögens die geistige Entfaltung und Bewusstheit vieler Menschen, also ein abstraktes Denken, gefördert hat – wenn auch häufig in die Richtung der Schriften.

Die digitale Kommunikation, per Handy und Internet zusammen mit Emojis, Bildern und Tönen sowie künstlich erzeugten lebensähnlichen Reden und Filmen in Sekundenschnelle weltweit, erweitert den gedruckten Sprachraum noch einmal dimensional zum Sprachraum 3.0. Jetzt breiten sich Ideen und alle anderen Informationen wie auch Fotos und Reden fast ohne Zeitverlust weltweit aus und werden von (fast) jedem und für jeden zur Verfügung gestellt. Dieser Sprachraum 3.0 ist anscheinend der Anfang eines neuen globalen Kommunikationsraums.

Tücken des Sprachraums 3.0

Die künstliche Erzeugung von Sprache, Bildern und Tönen erlaubt auch das Täuschen und Lügen noch perfekter, denn Fake ist noch schwieriger von Wirklichkeit zu unterscheiden. Über die Kommerzialisierung hatte ich im letzten Post schon berichtet. Es fühlt sich an wie eine Enteignung unserer Sprache, unserem kommunikativen und gefühlten Reden. Wie können wir uns die Sprache wieder aneignen? Wie können wir diese zu einem gemeinsamen Kohärenzraum mitgestalten, in dem wir als autonome Menschen zusammenfinden?

Fake – gehypt durch sog. künstliche Intelligenz KI – hat heute das Potenzial zu einer kurzfristigen neuen Wirklichkeit zu werden. Wer schafft eine nachhaltige neue Wirklichkeit – KI (heute zur Profitmaximierung und/oder zum Machterhalt) oder wir Menschen mit lebendiger Intelligenz LI zum Kooperieren zum guten Leben Aller, zum Abstimmen der Bedürfnisse, Anliegen, Visionen und Erfahrungen – wo möglich, mit angepasster Anwendung von KI??

Themenvorschau: Die nächsten Posts in diesem Blog werden voraussichtlich den Themen „Macht-Opfer-Dynamik in der Sprache“ (das Susanne Sußner in ihrem Kommentar zum letzten Beitrag in diesem Blog angesprochen hat)  und „Wahrheit und Wahrhaftigkeit“ gewidmet – es sei denn, es ergeben sich aus der Diskussion andere Themen.

[1] Holarchie bezeichnet eine Ordnung von Ganzheiten: Das größere/komplexere Übersystem ist dem kleineren/weniger komplexen übergeordnet: Die Familie dem Individuum, die Gesellschaft der Familie…

[2] Die dem Sprechen vorausgehende vorsprachlich sinnliche Kommunikation bekommt in der Klassifizierung „Kommunikation 0.1…“.

Zur Rettung des Sprachraums als Kohärenzraum

Eigentlich reden wir miteinander[1], um unsere Bedürfnisse, Wünsche, Anliegen (Motivation, Intentionalität) und Beziehungsrollen untereinander abzustimmen. Das kommunikative Abstimmen geschieht aus dem Bedürfnis und im Hinblick auf kooperative Verbundenheit. So bildet die Sprache einen verbalen Kommunikationsraum als Grundlage und als Potential zu weiteren Kooperationen[2].

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Mit der Sprache wird die Art und Weise des Kooperierens in einer Gesellschaft wesentlich geprägt. Um nachhaltig aufbauend zu kooperieren, braucht es eine gute Abstimmung[3] (Kohärenz) über gemeinsame langfristige Ziele, über die Intentionalität und die Rollen aller Teilnehmenden. Der gelebte und gesprochene Sprachraum ist ein Raum zum Herstellen von Kohärenz unter denkenden und handelnden Menschen in einem Kulturraum – ein Kohärenzraum. Diese Kohärenz wird über längere Zeit immer wieder den Erfordernissen angepasst: der Entwicklung der Mitglieder einer Kultur in ihren Beziehungen zur Menschheit und der mehrdimensionalen Umwelt. Dabei vermitteln Sprachen zwischen den Entwicklungen der Menschheit und den Indviduen

Störungen der Kohärenz des Sprachraums

Eine Störung der Kohärenz des Sprachraums kann durch ein Auseinandergehen der Entwicklungen in den Lebensdimensionen entstehen, also ganz besonders in historischen Übergängen – sowie heute z.B. u.a. durch die digitalen Medien. Das kann geschehen, wenn eine Kultur sich zu weit von den lebendig aufbauenden Kooperationen der Menschen und/oder ihren biologischen, sozialen und seelisch-geistigen Eigenschaften entfernt oder zu sehr an alten Mustern festhält, die ihre anstehende Entwicklung hemmen. Eine Inkohärenz im Sprachraum kann auch entstehen, wenn sich seine Umwelt stark verändert – entweder aus ihrer Eigengesetzlichkeit heraus oder durch Menschen gemacht – und damit eine neue Kooperation einer Kultur mit ihrer Umwelt erfordert.

Heute erscheinen große Störungen der Kohärenz des Sprachraums, von denen manche schon lange währen und jetzt eskaliert sind und andere relativ kurz entstanden sind – wie in Zeiten eines großen Übergangs.

Damit sind einmal eine Sinnentleerung der Sprache durch die Leugnung eines Sinns im Leben durch die Naturwissenschaften gemeint. Die klassischen Naturwissenschaften beanspruchten eine „Objektivität“, die mit Wahrheit gleichgesetzt wurde (und häufig heute noch wird) und setzt Subjektivität mit Täuschung und Irrtum also mit unwahr gleich. Die Natur entwickele sich demnach nach den physikalischen Gesetzen seit dem Urknall des Universums und steuere durch Entropie auf einen „Wärmetod“ zu. Die Zukunft wird von der Vergangenheit entsprechend der Naturgesetze bestimmt. In diesem alten naturwissenschaftlichen Glaubenssystem ist kein Platz für das, was wir Sinn, Ziel, Zweck oder Bedeutung eines Phänomens nennen. Eine sinnhafte Zielorientierung „Teleologie“ des Menschen hatte demnach keine objektive Wahrheit, sondern sei subjektive Einbildung / Täuschung[4]. Die Zielorientierung wird erst seit etwa 20 Jahren durch die Erkenntnisse der Chaos- und Komplexitätsforschung bezüglich Attraktoren in manchen Fachkreisen hoffähig.

Die Sinnentleerung der Sprache findet heute mit der Digitalisierung und KI ihren Höhepunkt und hoffentlich ihren Wendepunkt.[5] Computer und KI kennen keinen lebendigen Sinn und keine Bedeutung – nur Algorithmen und Daten. Wie diese als Werkzeuge eine sinnvollen Einsatz finden können, bleibt Thema weiterer Reflexion und Diskussion.

blankWeiter kommt eine Kommerzialisierung der Sprache zu ihrem Höhepunkt. Mit Kommerzialisierung ist die Verknüpfung von positiven Bedeutungsinhalten von Wörtern mit Konsumgütern gemeint. So bedeutet „Liebe“ in der Werbesprache nicht nur zu Weihnachten, Schokolade oder anderes zu schenken. Der Slogan von Merci im abgebildeten Beispiel, „Lass Herzen sprechen“, bedeutet hier, für 2.99 € die Pralinen Merci zu kaufen. Gesundheit bedeutet in vielen Zeitschriften, ein Wellness-Paket zu buchen.

Die Militarisierung der Sprache begann nicht erst mit dem Ukraine-Krieg, sondern schon in der Corona-Zeit. Damit begann die in Kriegszeiten übliche binäre Aufteilung in moralisch ausschließend entweder Freund („gut“) oder Feind („böse“) besonders in vielen Massenmedien – möglichst ohne Zwischentöne, ohne gegenseitiges Verständnis und als Wichtigstes: ohne Abstimmen. Binäres Denken passt zum digitalen Sprachverständnis und zum Urteilen. Ein Verurteilen anderer regt die aversive Interaktion im Macht-Opfer-Dreieck[6] an.

Beiträge zur Kohärenz der Sprache

Zur Unterscheidung zwischen bedeutungsloser und deshalb Fake-Sprache (durch KI- wie z.B. chatGPT) und von lebendiger Intelligenz formulierter lebendiger Sprache können Fragen helfen wie: Was ist die Intentionalität des Autors? Was bewirkt der Text in mir?

Zur Unterscheidung einer psychologischen/kognitiven Kriegsführung (letztlich Kriegspropaganda) von einer friedlich motivierten Sprache, können zusätzlich diese Fragen helfen: Bringt der Text Argumente für Frieden oder Vergeltung? Erzeugt er ein Gefühl in Richtung Frieden oder von Angst und Gewalt?

Richtungsweisend können und sollen wir uns über die Fragen austauschen und abstimmen: Welche Art von Sprache willst du und wollen wir kultivieren? Wie wollen und können wir unseren Sprachraum kohärenter und salutogener mitgestalten?

Ausgehend davon, dass der übergeordnete evolutionäre Sinn und Zweck von Sprache ist, Menschen überindividuell intentional zu verbinden – können wir intentional sprechend immer komplexere Kommunikation und Kooperation entfalten. Ein sprachlicher Kommunikationsraum bildet einen potentiellen Kohärenzraum für menschliches Kooperieren zum guten Leben. Mit diesem Kohärenzraum ist ein Resonanzraum gemeint, in dem Menschen in Kommunikation miteinander ihre Gesellschaft und Kultur passend aufbauend und entwicklungsfördernd mitgestalten – passend auch in größere, menschliche und ökologische Zusammenhänge.

Eigene Anliegen kommunizieren

Ausgehend von dem Wissen um die drei Grundmotivationen[7] und deren Zusammenspiel braucht es mehr Kommunikation, die durch die Kohärenzmotivation veranlasst ist. Es braucht mehr Reden über eigene und Abstimmen über gemeinsame Kohärenzziele. Das bedeutet, dass wir die Sprache primär zur Kommunikation unserer Bedürfnisse, Wünsche und auch längerfristigen Anliegen gebrauchen, für individuelle, gemeinschaftliche, kulturelle, globale und geistige Ziele. Zum Abwenden von Gefahren sollen wir sie nur kurzfristig und ansonsten sekundär verwenden (s. „kokreative Gruppenprozesse“), ebenso zur Ausrichtung auf lustversprechende Ziele.

Zu diesem Thema gibt es noch viel zu reflektieren, auszutauschen und zu diskutieren: Was hängt alles mit einer Sprache zusammen? Welche Art von Sprache wollen wir kultivieren? Wie können die verschiedenen Erstsprachen untereinander Kohärenz finden? Damit Sprachräume und auch die globale Kommunikation kohärenter werden, salutogener und aufbauender?

Ich freue mich, wenn du dich an diesem kokreativen Austausch beteiligst – durch Kommentare, Fragen und eigene Beiträge.

Bei diesem Beitrag bedanke ich mich herzlich bei Frau Prof. Dr. Daniela Rotter und Herrn Prof. Dr. Dr. Dr. Felix Tretter für hilfreiche Kommentare.

Anmerkungen:

[1] Schulz von Thun ist bemüht, mit seinem Vier-Seiten-Modell der Kommunikation (Sachaspekt, Selbstaussage, Beziehungsaspekt und Appell) diese so zu beschreiben, als gäbe es keine verbindende Motivation hinter dem Sprechen (außer beim Appell). Unter dem hier genannten Aspekt des Kooperierens als Sinn und Zweck von Kommunikation rücken andere Teilaspekte in den Fokus der Betrachtung, wie insbesondere die Intentionalität zur und die Rollen in der Kooperation (vgl. Tomasello). Diese beiden Aspekte sind sehr ähnlich den von Watzlawick genannten Inhaltsaspekt und Beziehungsaspekt.

[2] Kooperieren wird hier sehr weit verstanden als „Zusammenwirken zu einem gemeinsamen Zweck“.

[3] Für das Ziel dieser Abstimmung werden unterschiedliche Begriffe verwendet: Konsens, Passung, Konsistenz, Kongruenz, auch Resonanz und kognitive Konsonanz. Ich habe mich für den Begriff Kohärenz entschieden, weil er am besten eine Prozesshaftigkeit bezeichnet und kompatibel mit der Bezeichnung von ähnlichen Phänomenen in unterschiedlichen Wissenschaften ist (z.B. Physik, Gesundheitswissenschaft, Psychologie, Soziologie). Eine hinreichende Kohärenz bildet die Grundlage für Resonanz.

[4] Die wissenschaftstheoretischen und philosophischen Hintergründe habe ich 2021 in meinem Buch „Schöpferisch kommunizieren – Aufbruch in eine neue Dimension des Denkens“ ausgeführt.

[5] Ähnliche Gedanken zur Sprache finden wir in der „Simulationstheorie“ von Jean Baudrillard ausgeführt.

[6] Das Macht-Opfer-Dreieck bezeichnet ein Interaktionsmuster, das in Gesellschaften aus einer verletzenden Täter-Opfer-Interaktion erfolgt. Eigentlich soll es in menschlichen Kulturen Sicherheit von Opfern herstellen und Verletzungen vorbeugen. Die Interaktionen sind von der Aversionsmotivation veranlasst. Das Macht-Opfer-Dreiecksmuster beinhaltet die Interkationen der Rollen von Täter-Opfer und Richter/Retter. Wenn sich das Interaktionsmuster verselbständigt (was leider häufig vorkommt) produziert es Opfer anstatt sie zu verhindern (vgl. a. „Drama-Dreieck“ von S. Karpman; „Hilflose Helfer“ bei Schmidbauer).

[7] Kohärenz,- Appetenz- und Aversionsmotivation; s. Petzold & henke 2023: Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Lebens“ www.geen.de.

Kohärenz und Motivation

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[i] Meine grundlegende These für eine ganzheitliche und systemische Psychologie lautet, dass Menschen ein tiefes Bedürfnis und Streben nach Kohärenz haben und dies maßgeblich ist für ihre übergeordnete Motivation.

Was bedeuten Kohärenz und Motivation?

Kohärenz, engl. coherence, bedeutet Stimmigkeit, stimmige Verbundenheit, Passung, Übereinstimmung, auch Zusammenhalt eines Systems. Gelegentlich werden auch ähnliche Worte wie z.B. Kongruenz, Konsistenz, Harmonie oder Gleichklang zur Beschreibung von Kohärenz-Phänomenen verwendet.

Motivation bezeichnet alles, was uns in Bewegung bringt. Meistens wird der Begriff verwendet, wenn es um äußerlich sichtbares und engagiertes Verhalten geht. Genau genommen betrifft es aber auch alle inneren Aktivitäten, die untrennbar mit äußeren verknüpft sind. Jede Bewegung erfordert aktive innere Veränderungen. Sogar bei jedem Gedanken sind Aktivitäten im Gehirn festzustellen. Auch diese Aktivitäten wie Gedanken und Gefühle sind Folge einer Veranlassung, einer Motivation.

Kohärenzmotivation übergeordnet im Mittelpunkt

So sprechen wir von einer Kohärenzmotivation bei Allem, was uns zu Aktivitäten in Richtung Kohärenz im Inneren und im Außen veranlasst.

Kohärenz im Inneren

Wenn wir ein Gefühl von Kohärenz, von stimmiger Verbundenheit erleben, ist dies verknüpft mit Wohlbefinden, Freude und Glück, auch mit Gelassenheit und Ruhe.

Auch Klaus Grawe, als „Pabst der Psychotherapieforschung“ bezeichnet und Begründer der Neuropsychotherapie, schreibt 2004, dass Stimmigkeitsregulation das übergeordnete Prinzip psychischen Geschehens ist.

Was heißt Stimmungsregulation? In vielen Einzelforschungen zeigen Ergebnisse, dass ein Erleben von Kohärenz (Passung, Harmonie usw.) Wohlbefinden und Gesundheit fördern. Der Medizinsoziologe und Stressforscher Aaron Antonovsky, der Begründer der Salutogenese, hat das Kohärenzgefühl, den sense of coherence in den Mittelpunkt seiner Gesundheitstheorie gestellt. Manche psychologische ForscherInnen beschreiben eine vertikale Kohärenz als Übereinstimmung zwischen inneren Idealbildern vom eigenen Dasein mit der gefühlten Realität als gesundheitsförderlich. Das bedeutet, dass unser Fühlen und Handeln möglichst kohärent z.B. mit unseren Moralvorstellungen ist. Z.B. auch, dass unser Denken über gute Eltern-Kind-Beziehungen übereinstimmt mit unseren Emotionen und Verhalten unseren Kindern gegenüber. Der Organismus strebt tief nach Kohärenz möglichst all seiner Erfahrungen, seiner Ich-Zustände und -Dimensionen.

Kohärenz im Außen – Zugehörigkeit in Lebensdimensionen

blankIn Bezug auf kohärente Beziehungen im Außen ist es hilfreich, vier Lebensdimensionen zu unterscheiden. Kohärente Beziehungen zu unserer natürlichen und lebendigen Umwelt werden von den meisten Menschen unbewusst und implizit reguliert und werden nur dann bewusst, wenn sie grob gestört werden. In den großen Städten der hochindustrialisierten Länder zum Beispiel haben viele Menschen schon von Kindheit an kaum direkte Beziehungen zur lebendigen Umwelt[ii]. So können sie nur schwer spüren, wenn diese gestört sind und leider noch weniger, wie diese gut gestaltet werden und sich kohärent anfühlen können.

Für die meisten Menschen werden die nahen privaten Beziehungen in Familie und Freundschaften zunehmend bewusst. Unsere Kohärenzmotivation strebt danach, diese entsprechend einem inneren Idealbild von Familie, Liebe und Freundschaft aufbauend für alle mitzugestalten. Die Realität entspricht meist nicht unserem oft unbestimmten Idealbild.

Inkohärenzen in der Realität und weitere Grundmotivationen

Sie zeigt eher mehrere Inkohärenzen, wenn z.B. einer das Gefühl hat, nicht genug zu bekommen oder das nicht machen darf, was er gerne möchte, oder jemand erkrankt. Dieses sind Herausforderungen für unsere Kohärenzmotivation. Dabei kommen weitere Grundmotivationen ins Spiel wie die über Dopamin regulierte Appetenz-/Annäherungsmotivation, um sich lustvoll verlockenden Zielen anzunähern, und die stressende Aversions-/Abwendungsmotivation, die angesichts von Bedrohungen für Sicherheit sorgen soll. Was die Kohärenzmotivation angeht, so ist es für Kinder besonders – sogar existentiell – wichtig, gefühlt zur Familie dazuzugehören. Aus dieser Kohärenzmotivation heraus machen sie ihren Eltern vieles nach und verteidigen diese gegen äußere Kritik. Bei einem Gefühl, dass diese Zugehörigkeit bedroht ist, wird ihre Aversionsmotivation aktiviert.

blankDie komplette Tabelle und vollständige Beschreibung der Grundmotivationen finden Sie in Petzold & Henke[iii].

Zugehörigkeit zu größeren Lebensdimensionen

Für Jugendliche und Erwachsene wird zunehmend wichtig, dass sie zum Leben in der Sprache, zur Kultur, dazu gehören. Das veranlasst sie, sich Normen und Werten der Kultur anzupassen. Das beginnt schon bei Kindern im Alter von etwa vier Jahren, wie Michael Tomasello in seinen Grundlagenforschungen zur Kooperation beobachtet hat. Die Kohärenzmotivation zur Zugehörigkeit in der Kultur wird über die Zugehörigkeit zur Familie gebahnt, wo auch die Sprache gelernt wird. So übernehmen Kinder häufig auch die Einstellung der Eltern zur Kultur und deren Instanzen/Institutionen. Die Zugehörigkeitsmotivation zur Kultur veranlasst auch das Erlernen von Kulturtechniken wie auch eines Berufes. Erst sekundär kommt die Appetenzmotivation ins Spiel, die über Belohnung wie z.B. einen hohen Lohn angeregt wird. Primär und nachhaltig ist die Sinnmotivation maßgeblich. Sekundär kann auch eine Aversionsmotivation zur Vermeidung von Armut und Ausgeschlossensein ins Spiel kommen, wenn Eltern, PädagogInnen oder andere Institutionen mit der Peitsche drohen: „Wenn du keinen Beruf lernst, bekommst du auch keine Frau!“ „… wirst du in der Gosse landen!“ u.Ä. Derartige Drohungen wie auch kränkende Erlebnisse in kulturellen Institutionen oder starke Inkohärenzen der Sprache, Werte und Normen mit den eigenen Bedürfnissen können zu einer Aversion gegen die herrschende Kultur führen.

Heute wird das Bewusstsein über eine noch größere Lebensdimension immer stärker: Wir gehören alle zur Menschheit und zur Biosphäre. Ob wir wollen oder nicht. Wir sind Teile dieser Lebensdimension. Wenn wir uns gegen sie stellen, zerstören wir unsere eigene Lebensgrundlage und die unserer Mitmenschen. Diese globale Zugehörigkeit erfordert ein neues erweitertes Bewusstsein zur Kohärenz. Der erste Schritt, den unsere Kohärenzmotivation dabei machen will, ist, diese Zugehörigkeit anzunehmen, nicht zu leugnen und nicht sich, eine Nation oder eine Organisation als Teil über das Ganze, über die Menschheit und Biosphäre zu stellen.

Zusammengefasst: Eine ganzheitliche und systemische Psychologie sieht den Menschen motiviert in stimmiger Verbundenheit in seiner individuellen Ganzheit, mit seinen Mitmenschen, seiner Kultur, der Menschheit und der Natur bis hin zur Biosphäre.

[i] Henri Matisse 1909-1910: La-danse

[ii] S. a. Schiffer E (2023) Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde. Anstiftung zu Lebensfreude von Kindern und Jugendlichen im kokreativen Zusammenspiel. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung.

[iii] Petzold TD & Henke A (2023) Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Leben. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung.

Resilienz und Salutogenese

Was haben Resilienz und Salutogenese gemeinsam und was unterscheidet sie?

[i] Die Antwort kurz zusammengefasst: Die Frage der Salutogenese ist die weiterführende Konsequenz aus den Ergebnissen der Resilienzforschung. Resilienztrainings haben ein implizites Paradox, das mit einer salutogenetischen Orientierung gelöst werden kann.

Wirken Fragestellungen?

Der Erfinder des Wortes Salutogenese, der amerikanisch-israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky, ist auf die Frage der Salutogenese, der Frage nach der Entstehung von Gesundheit, durch eine Resilienzforschung gekommen. Die Frage der Resilienz (bedeutet Widerständigkeit), lautet, wie Menschen trotz äußerer Stressoren wie Bedrohungen gesund bleiben können. Dabei wird gesund zunächst als zu erhaltender Zustand verstanden und nicht als ständiger Prozess in eine positive Richtung. Resilienztrainings sollen den Menschen helfen, sich gegen die alltäglichen Stressoren in der Familie, im Beruf und in der Gesellschaft allgemein wie auch in der Umwelt widerständiger zu machen; trotz der vielfältigen Bedrohungen gesund zu bleiben und möglichst zu überleben.

Ursprung der Salutogenesefrage

Antonovsky hat angesichts der Ergebnisse seiner Resilienzforschung bei Frauen in Israel, die den Holocaust überlebt hatten, die Resilienzfrage zur Salutogenesefrage erweitert und vertieft. Er hatte Frauen interviewt, die sich trotz des Wahnsinnsstresses im Holocaust noch über dreißig Jahre lang nicht nur resilient gezeigt haben, sondern sich zudem psychisch und körperlich weiter gesund entwickelt haben. Die resilienten Frauen hatten die Eigenschaften und Fähigkeiten gezeigt, sich ihre innere Lebensorientierung auf kohärente, ihnen bedeutsame, sinnhafte Ziele zu bewahren, sich handlungsfähig zu fühlen und ein Verstehen von Zusammenhängen zu haben. Diese innere primäre Lebensorientierung in Richtung Kohärenz haben sie sich vom KZ-Stress nicht nehmen lassen.

Daraus hat er die Salutogenesefrage allgemeiner gestellt und von den Stressoren wie dem KZ und dem Bewahren eines fixen Zustands abgelöst. Die innere Lebensorientierung auf Kohärenz bezieht eine Veranlassung zur gesundheitsförderlichen Gestaltung der Umgebung wie auch Umwelt mit ein. Die Frage nach dem Mitgestalten eines guten Leben stellen Menschen sich spätestens dann, wenn sie sich resilient und stark genug fühlen. Oder wenn sie von vornherein meinen, dass es in ihrem Leben primär nicht um eine persönliche Schutzhülle, einen Schutzpanzer geht, sondern viel mehr um eine Mitgestaltung eines guten Lebens – womöglich für alle.

Resilienz: ein persönlicher Schutzpanzer?

Bei dem Bild von Resilienz als persönliche Panzerung kommen mir Ansätze der humanistischen und körperorientierten Psychotherapie in den Sinn, wo wir in den 1980er Jahren bemüht waren, unsere Charakterpanzer aufzulösen, um in persönlichen liebevollen Kontakt miteinander kommen zu können. Gehen Resilienztrainings jetzt den umgekehrten Weg zur Panzerung des Menschlichen?

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Mit einer salutogenetischen Orientierung geht es uns also primär um ein gutes Leben, wozu auch gute Lebensbedingungen gehören. Auf diesem Wege ist es oft auch hilfreich, widerstandsfähig gegen Bedrohungen zu sein. Aber wir streben primär nicht danach, Menschen für Kriegseinsätze in Afghanistan zur Prävention von Posttraumatischen Belastungsstörungen resilient zu machen, wie es das Pentagon mit Hilfe von PsychologInnen und Psychopharmaka versucht hat, und auch nicht primär für ein gesundes Überleben möglicher KZs oder schlechter Arbeitsbedingungen. Sondern wir streben primär danach, Frieden zu stiften und gute Lebens- und Arbeitsbedingungen zu gestalten.

Der neuro-motivationale Unterschied

Mit den Fragen nach der Resilienz und der Salutogenese werden im Menschen zwei unterschiedliche neuro-endokrine Motivationssysteme[ii] angesprochen: Mit der Resilienzfrage wird das Aversionssystem aktiviert, das sich gegen den Stressor richtet und uns in einen erhöhten Spannungs-/Stresszustand versetzt. So kann ein primäres Streben nach Resilienz selbst Stress und längerfristig damit chronische Erkrankungen befördern.

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Die Salutogenesefrage hingegen regt unser Kohärenzsystem an, das uns nach Stimmigkeit im Innen und im Außen streben lässt. Im Kohärenzmodus fühlen wir uns gelassen. Wir sind im Urvertrauen und wollen unsere Umwelt immer wieder möglichst stimmig mitgestalten. So hat Antonovsky bei der Salutogenese von einer anderen Lebensorientierung gesprochen.

Ein gutes Zusammenspiel von Kohärenz und Resilienz zum gelingenden Leben

Im Grunde geht es um ein gutes Zusammenspiel unserer neuro-endokrinen Motivationssysteme. Die Kohärenzmotivation soll in der Regel und langfristig die maßgebliche sein, da diese auf lange Sicht gesünder und für ein gelingendes Leben wertvoll ist. Die Aversionsmotivation wird gebraucht, um bei akuter Bedrohung wieder Sicherheit herzustellen. Wenn der Verteidigungs- oder Widerstandsmodus aber längere Zeit stark aktiviert ist, kommt es leichter zu chronischen Erkrankungen – sowohl psychisch als auch körperlich. So zeigen heute auch Ergebnisse der Resilienzforschung, dass es gut ist, sinnhafte Ziele im Leben zu haben. Diese positiven Ziele dürfen sich allerdings nicht einer Widerstandsmotivation unterordnen, sondern sollen die übergeordnete Intentionalität prägen. Wir brauchen eine zugrundeliegende Gelassenheit und immer wieder Phasen der Ruhe im Kohärenzmodus, wo wir in Stimmigkeit im Vertrauen sind und Freude und Sinn im Leben empfinden können.

Praxis zur Kohärenz

Mit einer salutogenetischen Lebensorientierung und der Salutogenen Kommunikation, wie sie auch im Stressmanagementkurs TSF „Rund um stimmig und gesund“ geübt wird, fördern wir unsere Fähigkeit, primär und immer wieder in den Kohärenzmodus zu gelangen. Wir tauschen uns über unsere positiven Anliegen aus, vertiefen und differenzieren unsere Selbstwahrnehmung durch Fragen, erhöhen unsere Handlungsfähigkeit und lernen aus unserer Reflexion für ein gutes Leben.

Die Salutogenese löst das Paradox der Resilienz mit einem anderen nur scheinbaren Paradoxon auf: Wenn wir positive Kohärenzziele im Leben verfolgen, werden wir ganz nebenbei auch resilienter gegen Stressoren. Diese Möglichkeit haben schon Friedrich Nietzsche und Victor Frankl gesehen, wenn sie gesagt haben: „Wer ein Wozu im Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“

[i] Playmobil: Novelmore – Kampfroboter

[ii] Petzold TD, Henke A (2023) Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Leben. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung – www.geen.de.

Kooperieren und Macht

Über Kooperieren habe ich hier im Blog und in zahlreichen Veröffentlichungen[i] schon viel geschrieben. Was hat aber Kooperieren mit Macht zu tun?

Michael Tomasello[ii] mit seinem Team hat bei seiner anthropologischen Entwicklungsfor-schung bei Kindern eine für Menschen charakteristische Art und Weise des Kooperierens gefunden. Diese folgt vier Kriterien oder Regeln: die KooperationspartnerInnen gehen (1) aufeinander ein und finden (2) ein gemeinsames Ziel; (3) klären sie die Rollen bei der Kooperation und  helfen sie sich gegenseitig (4), wenn einer Hilfe braucht. So kann menschliches Kooperieren fair gelingen. Da taucht Macht noch gar nicht auf.

Verantwortung und Macht

Macht wird in einer Gesellschaft wie auch in einer Familie gebraucht, wenn wenige Menschen Verantwortung für ein größeres System, wie eine Familie, eine Organisation oder einen Staat übernehmen sollen.

blank Um Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern für ein größeres System umzusetzen, braucht es Vorbildfunktion und ein jeweils angepasstes Maß an Macht, z. B. um Schutz vor akuten Bedrohungen zu organisieren. Deshalb geben Kinder ihren Eltern naturgemäß eine Menge Macht und BürgerInnen ihrer Regierung und deren Institutionen meist auch. Selbst bei Kooperationen zwischen mächtigen Verantwortlichen und Untergebenen wie BürgerInnen können (und sollten!) die vier Regeln von Tomasello angewendet werden.

Egoistisches „Nicht-Kooperieren

Problematisch wird es, wenn einer der KooperationspartnerInnen das gemeinsame Ziel, also die geteilte und dann kollektive Intentionalität und damit die Motivation der KooperationspartnerInnen aus dem Blick verliert und primär eigene (egoistische) Ziele verfolgt, wie z.B. Wahlerfolg für die Partei, Lobby-Interessen, persönliche Geld- und Machtinteressen u. Ä. Dann nennen Axelrod[iii] und andere ForscherInnen es Nicht-Kooperieren. Diese Art des egoistischen Nicht-Kooperierens ist in der kapitalistischen Ökonomie anscheinend die normale und dominierende Art (gestörter) Kooperation. Auch in Bezug zu der von Tomasello beschriebenen menschlich fairen Kooperation erscheint diese in der Ökonomie und Politik heute gestört. Viele WirtschaftswissenschaftlerInnen wie sogar einige BiologInnen versuchen, diese Art durch einen angeblich evolutionären Überlebenskampf zu begründen und als natürlich zu rechtfertigen. Dies resultiert aus einer einseitigen darwinistischen[iv] Miss-Interpretation von Darwins Forschungen.

Wir haben die Wahl zwischen Kooperieren und „Nicht-Kooperieren“

Interessant dazu sind die mathematischen Modelle zum Kooperieren des Politikwissenschaftlers Axelrod und anderen in der Spieltheorie. Als Rahmenbedingung haben sie das Gefangenendilemma (s. Wikipedia) genommen. Auch wenn das Bild des Gefängnisses kein schönes und kein salutogenes ist, ist dieses Rahmenmodell vom Gefängnis abstrahiert womöglich übertragbar auf Leben in einem Übersystem – heute etwa deutlich auf die Biosphäre mit den begrenzten Ressourcen. Darin haben die KooperationspartnerInnen die Wahl zwischen Kooperieren und Nicht-Kooperieren. Kooperieren hat zur Folge, einen mittleren Gewinn (bzw. eine mildere Strafe) zu bekommen im Vertrauen darauf, dass der andere, mit dem er sich nicht absprechen kann, auch diese Wahl trifft (schließlich haben beide bei der gemeinsamen Tat, wegen derer sie im Gefängnis sitzen auch schon kooperiert (bzw. als sie als kleine Kinder noch fair waren)): Dann kommen beide mit einer geringen Strafe davon. Wenn aber einer egoistisch und/oder nicht-vertrauend nicht-kooperiert, beschuldigt und verrät er den anderen. Dann kommt er selbst glimpflich davon (bzw. hat den größten Gewinn) und der andere bekommt die größte Strafe (bzw. hat den geringsten Gewinn oder sogar Verlust).

In diesen Computerspielen wie auch in der Realität kann es von dieser Art von Entscheidungen zwischen Kooperieren und Nicht-Kooperieren viele Abfolgen geben und dann viele Variationen, wobei z. B. einer jedes zweite Mal kooperiert und dann wieder nicht. Oder der Partner reagiert auf ein Nicht-Kooperieren ebenfalls mit einem Nicht-Kooperieren. Das heißt dann Tit-for-Tat: Wie du mir – so ich dir.

Axelrod hat in den 1980er Jahren dazu einen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben, um die erfolgreichsten Algorithmen für die Art der Entscheidungen zum Kooperieren zu finden. Das Ergebnis ist einerseits erstaunlich und andererseits spiegelt es ziemlich die Wirklichkeit wider, wenn man das reale Leben etwas länger aus einer Distanz betrachtet.

Welche Art der Kooperation ist erfolgreicher?

Egoistisches Nicht-Kooperieren ist kurzfristig erfolgreicher für den agierenden Partner. Eine Kombination aus Kooperieren und Tit-for-Tat und dabei immer wieder vertrauensvolle Angebote zum Kooperieren zu machen, ist wiederum langfristig erfolgreicher.

Außerdem wurden Experimente einer Art gemacht, die Gesellschaften nachbilden sollten. Kurzfristig haben sich auch hier egoistische Strategien durchgesetzt – langfristig die kooperierenden. Wenn egoistische Strategien alle kooperierenden Partnerschaften verdrängt haben, von denen sie ja ausbeuterisch existiert hatten, haben sie letztlich sich gegenseitig zerstört. Ist das ein Szenario, in dem wir uns heute befinden? Wenn es weder aus der Umwelt noch aus den Massen noch viel herauszupressen gibt? Dann haben egoistisch handelnde Menschen ihre Lebensgrundlage und die anderer zerstört.

Zukünftige Dynamik von Kooperieren – auch jede lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt

Wenn in solchen Gesellschaften nun kleine Anfänge von menschlich fairer Kooperation waren, waren diese nachhaltig erfolgreicher und konnten auf Dauer die egoistischen verdrängen. Auf Dauer siegt menschlich faires Kooperieren, sogar in mathematischen Berechnungen. Dazu braucht es eine zusammenpassende Absicht, ein gemeinsames Ziel, die geteilte und dann gemeinsame Intentionalität.

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Wenn KooperationspartnerInnen eine gemeinsame Intentionalität haben, bildet sich ein intentionaler Resonanzraum. In diesem intentionalen Resonanzraum agieren die KooperationspartnerInnen kokreativ wie Teilsysteme („AgentInnen“) eines Systems im Sinne des gemeinsamen Zieles. (Die beiden Kreise sollen die Selbst- und Kohärenzregulation der PartnerInnen darstellen: W=Wahrnehmen, H=Handeln, R=Reflektieren, Lernen)

Angenommen, wir befinden uns kulturell und global in der gerade skizzierten Situation, wo sich die egoistisch Nicht-Kooperierenden durchgesetzt haben. Dazu haben sie Regierungen z. B. durch entsprechende Leadership-Trainings und/oder andere Maßnahmen zum Vertreten ihrer Nicht-Kooperieren– und Kontroll-Ideologie und einem grundsätzlichen Nicht-Vertrauen gewonnen. Überzeugend und entscheidend für viele PolitikerInnen und ÖkonomInnen ist nach wie vor der Fokus auf schnelle Erfolge. Diese brauchen sie, um wiedergewählt zu werden bzw. in der ökonomisch existentiellen Konkurrenz mehr Gewinn zu machen, Geltung zu erlangen, erfolgreicher zu sein. Allerdings war und ist ihr eigentlicher Auftrag, für ein gutes Leben aller BürgerInnen nachhaltig zu sorgen. Dazu brauchen alle Beteiligten Vertrauen und faires menschliches Kooperieren miteinander und mit der Natur – das allein hat langfristig Bestand und ist daher nachhaltig zukunftsfähig.

Heute gibt es viele Erkenntnisse zu dem, was wir für ein langes und gutes Leben brauchen. Ein Umsetzen dieses Wissens würde aber eine große Umverteilung der Reichtümer und Macht sowie eine tiefgehende Umstellung der Lebensgewohnheiten, der Kooperations- und Kommunikationsmuster bedeuten. Die Reise zu dieser Art von gutem Leben wird eine lange Reise der menschlich Kooperationswilligen sein. Allerdings tragen alle Menschen sowohl die Fähigkeit als auch das Bedürfnis zum Kooperieren in sich. Wie jede Reise beginnt auch diese mit dem ersten Schritt: kooperieren zum guten Leben aller Menschen – angefangen hier und jetzt mit meinen nächsten gutwilligen Mitmenschen um mich herum in meinem Leben.

[i] Petzold TD (2015) Für eine gute Arzt-Patient-Kooperation ist die gemeinsame Intentionalität entscheidend. Zeitschrift für Allgemeinmedizin Z.Allg.Med.10: 6–10.

Petzold TD: Blog auf der Website: www.gesunde-entwicklung.com : https://gesunde-entwicklung.com/ethik-zur-kooperation-zusammenfassung/

Petzold TD & Henke A (2023) Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Leben. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung.

[ii] Tomasello M (2010) Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp.

Tomasello M, Hamann K (2012) Kooperation bei Kleinkindern. https://www.mpg.de/4658054/Kooperation_bei_Kleinkindern . (Abruf 10.02.2016).

[iii] Axelrod R (2009) Die Evolution der Kooperation. München: Oldenbourg.

[iv] Darwinismus: Darwin hat bei der „natürlichen Zuchtwahl“ (= Selektion) die „passendsten“ (= engl. fittest) als die überlebensfähigsten gefunden – nicht die stärksten. In seinen Beschreibungen dreht es sich immer wieder darum, wie die Lebewesen zu den Umweltbedingungen passen, sich anpassen oder diese sich passend machen – ganz ähnlich, wie es in Petzold & Henke 2023, S.61ff beschrieben ist. Dass er dabei auch häufig ein Konkurrieren und Kampf der Lebewesen beobachtet und auch ausführlich beschrieben hat, gehört dazu. Mit der darwinistischen Deutung der Evolutionstheorie ist die Deutung bezeichnet, die einseitig die Seite des Überlebenskampfes hervorhebt und als oberstes Evolutionsprinzip beschreibt.

Interessanterweise beschreibt Darwin im dritten Teil seines Hauptwerkes „Geschlechtliche Zuchtwahl in Beziehung auf den Menschen und Schluss“ (1874/1966, S. 629ff) wie Männer sich immer im Konkurrenzkampf (um Frauen) befinden und in dieser Konkurrenz immer bessere Fähigkeiten (auch als die Frauen – z.B. größere Gehirne) ausbilden. Frauen dagegen viel mehr auf sozialen Ausgleich und Fürsorge achten. Wenn das in der Tendenz stimmen sollte (nicht unbedingt in von Darwin beschriebenen Ergebnissen), könnte genau dieser beschriebene Unterschied zwischen Mann und Frau zu Darwins Überbetonung des Konkurrenzkampfes in der Evolution geführt haben (wie er in einem anderen Zusammenhang selbstkritisch einräumt (ebd. S. 67). Dieses männliche Konkurrenzdenken und -kämpfen ist möglicherweise auch ein wichtiges Teil des heutigen Problems. Zur Lösung könnten gerade die Frauen durch ihre ausgeprägten Fähigkeiten zur Empathie, Verbindungen herstellen und integrieren den größten Teil beitragen. Neuropsychologisch haben sie dazu eine bessere Verbindung zwischen den Großhirnhemisphären sowie häufiger die Fähigkeit, selbst existentielle Opfer-Situationen mit dem „tend-and-befriend“ (s. Kap. 2b) Muster friedlich zu lösen. Ihre Art zu denken scheint besser für die evolutionäre Lösung der heutigen großen Probleme gewappnet zu sein als der männliche Konkurrenzkampf.

Lernen aus Corona: Auf die Fragestellung kommt’s an

Zurzeit gibt es auf vielen Ebenen Initiativen zur Aufarbeitung der Pandemie. Im Bundestag wurde eine Enquete-Kommission gefordert. Der Chef-Virologe Drosten wurde heute (11.7.23) in der lokalen Zeitung mit Aussagen auf einem Symposium des hessischen Sozialministeriums derart zitiert, dass es keine besonderen medizinischen Lehren aus der Pandemie für weitere Pandemien gebe, da das Corona-Virus einzigartig sei. Nur in Bezug auf die Politik und die Kommunikation sollten Lehren gezogen werden… Inzwischen hat ein EU-Sonderausschuss schon kritische Ergebnisse vorgelegt und einen „ganzheitlichen Ansatz zur Pandemieprävention“ empfohlen. Dabei denkt sie allerdings noch immer nur an „Handlungsgrundsätze zur Bekämpfung, Vorbereitung, Verhütung und Reaktion auf Pandemien“ und nicht an primär gesundheitsorientierte Fragestellungen.

Andere kritische Ansätze zur Aufarbeitung

Eine große Gruppe von WissenschaftlerInnen aus dem Gesundheitsbereich wie aus dem EbM-Netzwerk (Evidenzbasierte Medizin) hat als „Initiative Pandemieaufarbeitung“ in ihrem „2. Offenen Brief“ drei Punkte hervorgehoben, in denen sie starke Brüche im wissenschaftlichen Diskurs durch den Umgang mit der Pandemie sieht: In der Evidenzbasierung, der Patienten-Autonomie und einem demokratischen Führungsstil („Governance“) statt nur Top Down. Dabei haben alle Aspekte, insbesondere die Bedeutung und Achtung der Autonomie, medizinische Relevanz. Wie auch die Kommunikation sind sie wichtige gesundheitliche Aspekte.

Außerdem gibt es weitere Papiere zur Pandemieaufarbeitung, wie die „Wiener Thesen“, die „Berliner Thesen“ und andere. Jeweils nennen die AutorInnen die ihnen wichtig erscheinenden Stärken und Schwächen bzw. Konzepte der Pandemiebewältigung. Dabei kommt eine Sammlung von mehr oder weniger wichtigen Aspekten zusammen, allerdings keine überzeugende gemeinsame Orientierung. Die Intention und Ausrichtung der einzelnen Beiträge ist mehr implizit und hinter den genannten Aspekten zu ahnen. Die subjektiv und metativ (=metasubjektiv) nach Wissenschaftsdisziplin (Virologie, Mathematik, klinischer Medizin, Allgemeinmedizin, Pflege, Public Health, politischer Parteien u.a.) geprägten Beiträge passen nicht ohne Weiteres zusammen. Es fehlt die gemeinsame übergeordnete Fragestellung; und entscheidend: die menschliche Motivation zur Gesundheit – unser implizites Entwicklungsstreben zu einem guten Leben, das mehr und meistens etwas anderes ist, als das Abwenden von Krankheiten.

Angstgeleitete oder gesundheitsorientierte Fragestellungen?

In der Wissenschaft ist die Fragestellung das Wichtigste, wie schon Antonovsky (1997) zur Salutogenese geschrieben hat. Die Fragestellung ist für das Design und für das Ergebnis der einzelnen Studien maßgeblich. So werden die Ergebnisse der Betrachtungen und Untersuchungen je nach Fragestellung sehr unterschiedlich sein.

Ist die Fragestellung angstgeleitet im Aversionsmodus formuliert (zum Vermeiden der „Peitsche“), z.B.: Wie können Tote verhindert werden? Wie kann das Virus bekämpft werden? Wie können wir unsere politische Position bzw. unser System verteidigen? Wer hat Recht?

Oder ist sie aus einer gierigen Appetenzmotivation gestellt, wie beispielsweise: Wie verdiene ich das meiste Geld in der Krise?

Wenn man dagegen Fragen nachgeht, die ein attraktives Gesundheitsziel im Kohärenzmodus fokussieren, wie z.B.:
Wie können Menschen sich gesund entwickeln und ein gutes Leben leben – auch angesichts einer Bedrohung durch Viren?
Und: Wie können ExpertInnen und PolitikerInnen gut mit BürgerInnen kooperieren?

In meinem Blog findest du im Beitrag „Wie einer Pandemie begegnen?“ beispielhafte Ausführungen zu Fragestellungen. In einer kleinen „Sozialmedizinischen Fallstudie“ bin ich der Fragestellung nach einer erfolgreichen Bewältigung noch in der Schlussphase der Pandemie einmal nachgegangen, die wir in der „Studiengruppe Gesundheit“ der VDW e.V. diskutiert haben (s. letztes zusammenfassendes Kapitel der Studie). Zusammenfasend wird geschlussfolgert: „…, dass eine Bedrohung, wie sie eine Virusinfektion wie SARSCovid-19 dargestellt hat, am besten durch ein achtsames Verhalten und eine gute Selbstfürsorge der Menschen in ihrem direkten sozialen Miteinander zu bewältigen ist. Dieses achtsame Verhalten zu ermöglichen und zu fördern ist Aufgabe der Institutionen…“.

Grafik: Karikatur von Bismarck mit Peitsche und dem deutschen Michel in der Prager Zeitschrift Humoristické Listy 7.12.1878, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=112443363

Eine Erneuerung der Kultur als „Selbstverwirk-
lichung des Geistes“
?

Die Freude über einen Gedanken kürzlich hält weiter an. Beim Nachsinnen über eine übergeordnet integrierende Perspektive auf Evolution und gesunde Entwicklung ging mir auf, dass die gesunde Entwicklung des Menschen genau wie auch die Evolution der Lebewesen im Grunde ein kleiner bzw. großer Schritt der Selbstverwirklichung des Geistes in der Materie ist.

Diesen Gedanken fand ich äußerst passend. So dass ich dachte, dass den bestimmt schon Menschen vor mir gedacht haben. Denn der Geist – verstanden als gänzlich abstrakte, attraktive und komplexe Informationen („Attraktiva“) – verwirklicht sich unter vielem anderem in stimmigen Gedanken.

Und: Ja, es gibt ein Buch vom Philosophen Richard Kroner von 1928 mit eben diesem Titel: „Die Selbstverwirklichung des Geistes“. Der Gedanke fasst Hegels Ausführungen in seiner „Phänomenologie des Geistes“ (1807) zusammen. Hegel wie Kroner beziehen allerdings diese Selbstverwirklichung primär auf menschliches Erkennen und Kultur, in der sich der Geist verwirklicht. Dazu passt unsere Frage für kokreative Gespräche: Was wollen wir kultivieren? Das Streben des Geistes sorgt dabei dafür, Widersprüche zu lösen und eine Einheit herzustellen. Hier gibt es eine Analogie zum Kohärenzstreben der Selbstregulation und unserer Hirnfunktion (s. a. Metatheorie und  Motivation).

Mir tut der Gedanke gut, das Leben, sowohl ganz allgemein als auch im Konkreten, als Selbstverwirklichung des Geistes zu verstehen. Ich kann so mein Leben genau wie das aller anderen Menschen und Lebewesen als Teil dieser großen Selbstverwirklichung im evolutionären Vollzug verstehen und als stimmig empfinden. Ich bin im informierenden Fluss dieses sich selbst verwirklichenden, geistig-materiellen Lebensstromes ein aktives Wesen. Mein individuelles Bewusstsein ist dabei ein Vermittler, der in Resonanz zum „großenGeist sich diesem anzunähern strebt. Mit Geist sind auch die Informationen gemeint, die die Beziehungen von Menschen zu ihren Mitmenschen und Umwelt prägen.

In diesen Beziehungen zwischen den Teilsystemen sowie in der Kommunikation zwischen ihnen zeigt sich die Kohärenz der Systeme (s. a. letzten Post). Zum Beispiel kommunizieren Familienmitglieder in der Regel viel zum Zusammenhalt der Familie, BürgerInnen zum Gedeihen der Kommune, MitarbeiterInnen zum Erfolg ihrer Firma und heute Menschen weltweit zum guten Umgang mit der Biosphäre. Differenziertes Bewusstsein entwickelt sich im kokreativen Flow mit Mitmenschen. Dieses Bewusstsein sowie der kokreative Flow sind Aspekte des sich selbst verwirklichenden Geistes.

blankDabei spielt die Sprache eine wichtige Rolle. Mit ihrer Hilfe können wir sehr differenziert Gedanken kommunizieren und gemeinsam immer wieder auf ihren Wahrheitsgehalt, auf ihre Übereinstimmung mit Bedürfnissen wie auch Beobachtungen und Reflexionen hin überprüfen. Mit Hilfe der Sprache können wir insbesondere auch unsere Ziele wie Motive kommunizieren. Dadurch können wir bei gemeinsamer Intentionalität zielorientiert kooperieren. Dienen die Sprache sowie unsere Kooperationen also der Selbstverwirklichung des Geistes? Bringen sie uns dem Geist näher?

Meine grundlegende These ist: Wenn wir uns in den Flow der Stimmigkeit begeben oder diesen suchen, sind wir im Strom der Selbstverwirklichung des Geistes. So begeben wir uns in der kokreativen Kommunikation in eben diesen gemeinsamen Fluss, in dem sich unser Dasein dem Sein des Geistes annähert. 

Abb. aus Petzold (2022) Schöpferisch kommunizieren. Aufbruch in eine neue Dimension des Denkens.

Kokreative Kommunikation und Selbstwirksamkeit Bottom up

Selbstwirksamkeit erhöhen?

Bildquelle: oddsock: „crop circle – echoes“ (Attribution License)

Wenn wir von kokreativer Kommunikation sprechen, denken wir konsequenterweise an die gemeinsame Kreativität von Gruppen. So erscheinen die Erfahrungen paradox, die manche mit den kokreativen KulturTreffen KKT gemacht haben: Sie haben in ihrem kulturellen wie beruflichen Leben ihre individuelle Selbstwirksamkeit erhöht. So ist eine Teilnehmerin direkt am Tag nach dem 1. KKT ihrem inneren Impuls gefolgt und hat zu einer wöchentlichen Friedensmeditation online eingeladen. Mit überraschend schnellem und großem Erfolg: Es haben sich über 60 TeilnehmerInnen in kurzer Zeit aus fünf Ländern dazu angemeldet.

Eine andere Teilnehmerin berichtete beim 3. KKT, dass sie nach dem 2. KKT auf einer beruflichen Fortbildung, die sehr zäh und für alle Beteiligten unbefriedigend verlief, spontan einen längeren positiven Beitrag gegeben hat, der Bewegung in die negativ festgefahrene Situation brachte. Daraufhin hat sie gleich ein reizvolles neues Jobangebot bekommen.

Kokreative Bottom-up-Prozesse

Kokreative Kommunikation regt positiv an – ganz besonders zunächst die individuelle Kreativität. Diese kann sich in den Lebenszusammenhängen des betroffenen Individuums entfalten. Dort kann seine Kreativität wieder andere Mitmenschen anregen. Und so weiter. Je klarer die konstruktive aufbauende Kommunikation ist, desto mehr Resonanz kann sie finden und umso kokreativer und weiter kann sie womöglich in die Kultur hinein wirken. So kann das KKT mit individuellen und Kleingruppen-Prozessen auf das Makro-/Übersystem Kultur wirken – und zwar Bottom-up: von unten nach oben, im Kleinen auf das Große.

Aus systemischer Sicht

blankIn einer systemischen Sicht erscheint dieser Vorgang so: In der interindividuellen Kommunikation – also zwischen zwei oder mehreren Menschen – erhält ein Individuum Informationen. Es verarbeitet diese Informationen in seiner Art und Weise – möglichst aufbauend. Das (Zwischen-)Ergebnis seiner Informationsverarbeitung kommuniziert es wieder mit ggf. anderen Individuen. Wenn diese damit in Resonanz gehen und ihrerseits die Informationen in konstruktiv adaptierter Weise (= kokreativ) weitergeben, kann das zur kokreativen Gestaltung des Übersystems führen.

Dabei kommt die Frage auf: Wann sind Informationen und ihre Verarbeitung konstruktiv?

Diese Frage nach dem Aufbauenden erfordert eine Bewertung der Kommunikation. Diese Bewertung wird subjektiv vorgenommen, sowohl aus der Sicht des Individuums als auch aus der Sicht des Übersystems (= Metasubjekt). Maßgeblich für Kokreativität sind somit Subjekte: also Du und ich – in Abstimmung mit anderen wie auch Metasubjekten – letztlich alle Betroffenen (vgl. Petzold & Henke: Motivation. 2023; S. 148f, 190).

Grafik aus: Petzold TD (2022) Schöpferisch kommunizieren. Aufbruch in eine neue Dimension des Denkens. Abb. 2. S. 34. Verlag Gesunde Entwicklung: www.geen.de

Den Gedanken eines „guten Lebens für Alle“ kultivieren

Bei der Frage nach dem guten Leben geht es nicht darum, eine klare Definition oder gar Norm zu finden. Das gute Leben ist eine attraktive Leitidee, ein inneres Idealbild, das sich verändern kann. Auf der einen Seite ist das Streben nach einem guten Leben schon Jahrtausende alt. Auf der anderen Seite tauchen die Begriffe in den letzten Jahren in Gesprächen und in Medien immer häufiger auf. Was bedeutet für dich ein gutes Leben? Was bedeutet mir ein gutes Leben? Was bedeutet ein gutes Leben für alle Menschen in der Biosphäre?

Das Ziel und der Weg sind eins

Ein gutes Leben ist ein Ideal vom Leben und gleichzeitig jeder Schritt auf dem Weg zu diesem Ideal. Das Ziel ist der Weg und der Weg ist das Ziel – diese alte Weisheit passt hier besonders gut. Jeder Schritt in Richtung des Ideals ist schon ein Stück gutes Leben – selbst wenn er einmal schmerzhaft sein sollte. Dann haben wir einen Anlass zum Lernen für unser gutes Leben. Die Motivation zum guten Leben für Alle in der Biosphäre verbindet uns intentional mit allen Menschen und der Biosphäre und fordert uns gleichzeitig ganz individuell heraus, nachzuspüren und nachzudenken, was ein gutes Leben in jedem Moment für ihn bedeutet.

Was ist dir bedeutsam? Was sind deine Bedürfnisse und Anliegen? Immer wieder dieser Frage nachzugehen und die Anliegen an passender Stelle Izu kommunizieren, ermöglicht mehr gemeinsames Lernen sowie ein bewusster gemeinsames gutes Leben.

Dabei gibt es nicht den einen richtigen Weg. Im Gegenteil: Es gibt so viele Annäherungsschritte, wie es Menschen gibt. Es gibt keine Norm vom guten Leben. Jede scheinbare Abweichung vom Weg des guten Lebens kann aus einer anderen Perspektive als ein Lernvorgang auf ebendiesem Weg gesehen werden – individuell, als Gemeinschaft, Kultur oder Menschheit.

Gutes Leben bedeutet, es mitzugestalten

blankTheodor W. Adorno hat in seiner Minima Moralia geschrieben: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Dem möchte ich widersprechen. Wir können und dürfen nicht auf angenehme äußere Bedingungen warten, auf ‚gutes Wetter‘. Auch, wenn Politikerinnen Krieg führen und uns dazu einspannen wollen, gibt es Schritte zur Annäherung an ein friedliches gutes Leben. Wir behalten die Verantwortung für unser gutes Leben auch „im falschen“ – selbst, wenn das Leben dann nicht derart gut möglich erscheint, wie wir es uns vorgestellt haben. Selbst bei Unterdrückung, Zwang, Ausbeutung und Verleumdung: Wenn unser Leben im Außen viel mit Verteidigung gegen Bedrohungen befasst ist, können wir das gute Leben doch im Inneren und Kleinen kultivieren. Dann bezieht sich das Mitgestalten des guten Lebens zunächst auf scheinbar kleine Dinge. Diese können auf längere Sicht auch größere Systeme verändern.

Jeder kann von jedem lernen

Wenn wir ein „gutes Leben für Alle“ anstreben, beinhaltet dies, dass wir uns mit anderen Menschen darüber austauschen, was ihnen ein gutes Leben bedeutet. Davon können wir Aspekte des guten Lebens lernen, die uns zuvor nicht präsent waren. Möglicherweise kann ein solcher Austausch Menschen helfen, immer neue Aspekte kennen zu lernen und alte, überholt geglaubte Aspekte neu zu integrieren. Das könnte zum Beispiel für ein einfaches Leben mit der Natur der Fall sein. Denn unsere lebendige Intelligenz und Motivation ist ursprünglich auf Kohärenz mit der Natur aus – als Menschheit mit der Biosphäre. Das ist die Grundlage der Evolution der Lebewesen und heute für uns Menschen eine ganz aktuelle und bewusste Erfordernis. Dabei kann womöglich ein Lernen von Umgangsweisen von Naturvölkern mit ihrer Umwelt hilfreich sein.

Ein gutes Leben gelingt kommunikativ kokreativ

Um ein stimmiges Leben zu leben, gestalten wir jeden Tag neu gut für uns und unsere Mitwelt – zusammen mit unseren Mitmenschen und der Natur und in Abstimmung mit diesen. Ein gutes Leben für Alle in der Biosphäre ist ein ständiger kommunikativer Abstimmungsvorgang zwischen den Menschen und mit der Natur. Für dieses Kokreieren spielt die passende, authentische Kommunikation unserer Anliegen eine wichtige Rolle (s. a. Kokreative KulturTreffen KKT). In dieser Kommunikation kommen implizite, intuitive und rationale, abgeleitete Anliegen und Gedanken zusammen. So entfaltet sich das gute Leben kokreativ in Übereinstimmung mit der Umwelt als ein evolutionärer Prozess (s. Kap. 4 u. 5 im Buch „Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Leben“.