Einträge von Theo

Kokreative Kommunikation und Selbstwirksamkeit Bottom up

Selbstwirksamkeit erhöhen?

Bildquelle: oddsock: „crop circle – echoes“ (Attribution License)

Wenn wir von kokreativer Kommunikation sprechen, denken wir konsequenterweise an die gemeinsame Kreativität von Gruppen. So erscheinen die Erfahrungen paradox, die manche mit den kokreativen KulturTreffen KKT gemacht haben: Sie haben in ihrem kulturellen wie beruflichen Leben ihre individuelle Selbstwirksamkeit erhöht. So ist eine Teilnehmerin direkt am Tag nach dem 1. KKT ihrem inneren Impuls gefolgt und hat zu einer wöchentlichen Friedensmeditation online eingeladen. Mit überraschend schnellem und großem Erfolg: Es haben sich über 60 TeilnehmerInnen in kurzer Zeit aus fünf Ländern dazu angemeldet.

Eine andere Teilnehmerin berichtete beim 3. KKT, dass sie nach dem 2. KKT auf einer beruflichen Fortbildung, die sehr zäh und für alle Beteiligten unbefriedigend verlief, spontan einen längeren positiven Beitrag gegeben hat, der Bewegung in die negativ festgefahrene Situation brachte. Daraufhin hat sie gleich ein reizvolles neues Jobangebot bekommen.

Kokreative Bottom-up-Prozesse

Kokreative Kommunikation regt positiv an – ganz besonders zunächst die individuelle Kreativität. Diese kann sich in den Lebenszusammenhängen des betroffenen Individuums entfalten. Dort kann seine Kreativität wieder andere Mitmenschen anregen. Und so weiter. Je klarer die konstruktive aufbauende Kommunikation ist, desto mehr Resonanz kann sie finden und umso kokreativer und weiter kann sie womöglich in die Kultur hinein wirken. So kann das KKT mit individuellen und Kleingruppen-Prozessen auf das Makro-/Übersystem Kultur wirken – und zwar Bottom-up: von unten nach oben, im Kleinen auf das Große.

Aus systemischer Sicht

In einer systemischen Sicht erscheint dieser Vorgang so: In der interindividuellen Kommunikation – also zwischen zwei oder mehreren Menschen – erhält ein Individuum Informationen. Es verarbeitet diese Informationen in seiner Art und Weise – möglichst aufbauend. Das (Zwischen-)Ergebnis seiner Informationsverarbeitung kommuniziert es wieder mit ggf. anderen Individuen. Wenn diese damit in Resonanz gehen und ihrerseits die Informationen in konstruktiv adaptierter Weise (= kokreativ) weitergeben, kann das zur kokreativen Gestaltung des Übersystems führen.

Dabei kommt die Frage auf: Wann sind Informationen und ihre Verarbeitung konstruktiv?

Diese Frage nach dem Aufbauenden erfordert eine Bewertung der Kommunikation. Diese Bewertung wird subjektiv vorgenommen, sowohl aus der Sicht des Individuums als auch aus der Sicht des Übersystems (= Metasubjekt). Maßgeblich für Kokreativität sind somit Subjekte: also Du und ich – in Abstimmung mit anderen wie auch Metasubjekten – letztlich alle Betroffenen (vgl. Petzold & Henke: Motivation. 2023; S. 148f, 190).

Grafik aus: Petzold TD (2022) Schöpferisch kommunizieren. Aufbruch in eine neue Dimension des Denkens. Abb. 2. S. 34. Verlag Gesunde Entwicklung: www.geen.de

Den Gedanken eines „guten Lebens für Alle“ kultivieren

Bei der Frage nach dem guten Leben geht es nicht darum, eine klare Definition oder gar Norm zu finden. Das gute Leben ist eine attraktive Leitidee, ein inneres Idealbild, das sich verändern kann. Auf der einen Seite ist das Streben nach einem guten Leben schon Jahrtausende alt. Auf der anderen Seite tauchen die Begriffe in den letzten Jahren in Gesprächen und in Medien immer häufiger auf. Was bedeutet für dich ein gutes Leben? Was bedeutet mir ein gutes Leben? Was bedeutet ein gutes Leben für alle Menschen in der Biosphäre?

Das Ziel und der Weg sind eins

Ein gutes Leben ist ein Ideal vom Leben und gleichzeitig jeder Schritt auf dem Weg zu diesem Ideal. Das Ziel ist der Weg und der Weg ist das Ziel – diese alte Weisheit passt hier besonders gut. Jeder Schritt in Richtung des Ideals ist schon ein Stück gutes Leben – selbst wenn er einmal schmerzhaft sein sollte. Dann haben wir einen Anlass zum Lernen für unser gutes Leben. Die Motivation zum guten Leben für Alle in der Biosphäre verbindet uns intentional mit allen Menschen und der Biosphäre und fordert uns gleichzeitig ganz individuell heraus, nachzuspüren und nachzudenken, was ein gutes Leben in jedem Moment für ihn bedeutet.

Was ist dir bedeutsam? Was sind deine Bedürfnisse und Anliegen? Immer wieder dieser Frage nachzugehen und die Anliegen an passender Stelle Izu kommunizieren, ermöglicht mehr gemeinsames Lernen sowie ein bewusster gemeinsames gutes Leben.

Dabei gibt es nicht den einen richtigen Weg. Im Gegenteil: Es gibt so viele Annäherungsschritte, wie es Menschen gibt. Es gibt keine Norm vom guten Leben. Jede scheinbare Abweichung vom Weg des guten Lebens kann aus einer anderen Perspektive als ein Lernvorgang auf ebendiesem Weg gesehen werden – individuell, als Gemeinschaft, Kultur oder Menschheit.

Gutes Leben bedeutet, es mitzugestalten

blankTheodor W. Adorno hat in seiner Minima Moralia geschrieben: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Dem möchte ich widersprechen. Wir können und dürfen nicht auf angenehme äußere Bedingungen warten, auf ‚gutes Wetter‘. Auch, wenn Politikerinnen Krieg führen und uns dazu einspannen wollen, gibt es Schritte zur Annäherung an ein friedliches gutes Leben. Wir behalten die Verantwortung für unser gutes Leben auch „im falschen“ – selbst, wenn das Leben dann nicht derart gut möglich erscheint, wie wir es uns vorgestellt haben. Selbst bei Unterdrückung, Zwang, Ausbeutung und Verleumdung: Wenn unser Leben im Außen viel mit Verteidigung gegen Bedrohungen befasst ist, können wir das gute Leben doch im Inneren und Kleinen kultivieren. Dann bezieht sich das Mitgestalten des guten Lebens zunächst auf scheinbar kleine Dinge. Diese können auf längere Sicht auch größere Systeme verändern.

Jeder kann von jedem lernen

Wenn wir ein „gutes Leben für Alle“ anstreben, beinhaltet dies, dass wir uns mit anderen Menschen darüber austauschen, was ihnen ein gutes Leben bedeutet. Davon können wir Aspekte des guten Lebens lernen, die uns zuvor nicht präsent waren. Möglicherweise kann ein solcher Austausch Menschen helfen, immer neue Aspekte kennen zu lernen und alte, überholt geglaubte Aspekte neu zu integrieren. Das könnte zum Beispiel für ein einfaches Leben mit der Natur der Fall sein. Denn unsere lebendige Intelligenz und Motivation ist ursprünglich auf Kohärenz mit der Natur aus – als Menschheit mit der Biosphäre. Das ist die Grundlage der Evolution der Lebewesen und heute für uns Menschen eine ganz aktuelle und bewusste Erfordernis. Dabei kann womöglich ein Lernen von Umgangsweisen von Naturvölkern mit ihrer Umwelt hilfreich sein.

Ein gutes Leben gelingt kommunikativ kokreativ

Um ein stimmiges Leben zu leben, gestalten wir jeden Tag neu gut für uns und unsere Mitwelt – zusammen mit unseren Mitmenschen und der Natur und in Abstimmung mit diesen. Ein gutes Leben für Alle in der Biosphäre ist ein ständiger kommunikativer Abstimmungsvorgang zwischen den Menschen und mit der Natur. Für dieses Kokreieren spielt die passende, authentische Kommunikation unserer Anliegen eine wichtige Rolle (s. a. Kokreative KulturTreffen KKT). In dieser Kommunikation kommen implizite, intuitive und rationale, abgeleitete Anliegen und Gedanken zusammen. So entfaltet sich das gute Leben kokreativ in Übereinstimmung mit der Umwelt als ein evolutionärer Prozess (s. Kap. 4 u. 5 im Buch „Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Leben“.

„Negative“ Kommunikation zum Konstruktiven wenden

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Wahrscheinlich kennt das jeder*: In einem Team oder auch bei privaten Treffen wird andauernd über negative Erfahrungen und Umstände gesprochen. Diese sind heutzutage im krisenhaften Übergang überall gegenwärtig. Je nach Fachrichtung oder Interesse betrifft es mehr die Umwelt, die stressenden Bedingungen in der Schule, die Bürokratie und die Profitorientierung im Gesundheitswesen, die Kriege und Berichterstattungen in den Massenmedien oder sonst etwas. In Expertenteams werden dann gerne mögliche Ursachen analysiert, um die vermeintlichen Ursachen des Übels auszumerzen … wie das Wirtschaftssystem, die Religion, den Materialismus oder die menschliche Unvollkommenheit. Bei konsequenter Ursachenforschung würde man letztlich beim Urknall oder einem Schöpfungsfehler Gottes landen.

Das Ergebnis solcher Gespräche ist auf der einen Seite: Wir sind uns in der Beurteilung der katastrophalen Lage ziemlich einig. Das ist ganz angenehm, weil man sich nicht mehr so alleine fühlt. Allerdings geht es bei der Ursachenbenennung oft auseinander, vermutlich weil unter Expertinnen jeder der rechthabende Richter bzw. beste Retter sein möchte und einen anderen geistigen oder ideologischen Hintergrund hat. Auf der anderen Seite vertieft sich ein Gefühl von Ohnmacht – auch kollektiv: Wir sind alle machtlose Opfer. Es gibt – gefühlt – keine Möglichkeit, etwas wirklich zu verändern. Ausweglosigkeit, Machlosigkeit und Hoffnungslosigkeit machen sich breit.

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Die innere Wende zu einer neuen Frage

Wenn man diese negativen Kommunikationsmuster oft genug erfahren hat und sein Mitgestaltungspotential und auch das der Gruppe entfalten möchte, gibt es mehrere Möglichkeiten, sich selbst und die Kommunikation zum Konstruktiven zu wenden.

Anstatt auf eine rechthaberische Diskussion über vermeintliche Ursachen der Missstände einzusteigen, geht man den Fragen nach:

  • Was ist mein eigentliches Mitgestaltungsanliegen in dieser Gruppe?
  • Wo will ich hin?
  • Was ist das Gestaltungsanliegen der Gruppe, ihr Ziel?

Ihre Antwort auf diese Fragen können Sie z.B. als Wunsch in das Gruppengespräch einbringen: „Ich bin hier, weil ich mit euch zusammen bessere Lernorte für Kinder gestalten möchte (bzw. Genesungsorte für Erkrankte). Ich möchte mit euch darüber sprechen, wie diese aussehen können und was unsere Rolle darin ist.“

Die Frage nach dem Anliegen, auch Ziel, Wunsch oder Bedürfnis, bildet den Kern einer heuristischen Vorgehensweise: von der antizipierten Lösung her den Annäherungsweg gestalten.

Ein neuer Ziel-Fokus verändert die Kommunikation

Unter der Perspektive eines gewünschten antizipierten Lebensvollzugs, wie einem guten Leben für möglichst Alle, erscheinen die aktuellen Probleme und deren Lösung in einem ganz anderen Licht. Da stehen dann womöglich die Selbstwirksamkeit und Autonomie in natürlicher und soziokultureller Verbundenheit an der ersten Stelle der Motive. Wie können wir selbst wirksam werden zusammen mit unseren Mitmenschen und in Übereinstimmung mit der Natur? Welche Rollen kommen dabei kulturellen Institutionen und der Ökonomie zu, um das gute Leben möglichst Aller zu entfalten?

Konkret können wir in unseren Teams und anderen Gruppen unser Gestaltungsanliegen beispielsweise so äußern: „Ich würde in unserer Gruppe gerne über ein konkretes Projekt sprechen, das für Kinder neue Lernerfahrungen ermöglicht.“

Anliegen und Bedürfnisse kommunizieren

Je nach Gruppe und Kommunikationspartnerinnen kann es auch angebracht sein, noch direkter sein eigenes Bedürfnis in und für die Gruppe mitzuteilen, also z.B.: „Ich möchte meine Ideen für eine Schule der Zukunft mit Euch teilen.“ Oder „Ich wünsche mir, dass wir eine Runde dazu machen, wie jeder sich die Rolle von Patientinnen und Ärztinnen in einem zukünftigen Gesundheitswesen vorstellt.“ Oder: „Ich wünsche mir jetzt eine kurze Achtsamkeits-/Besinnungspause, in der jeder für sich nachspürt, was sein tiefes Anliegen an unsere gemeinsame Arbeit hier ist.

Wenn wir über unsere Gestaltungsanliegen und Bedürfnisse sprechen, befinden wir uns primär im motivationalen Kohärenzmodus. Anders ist es, wenn wir die Missstände fokussieren, anklagen und detektivisch analytische Ursachenforschungen betreiben – dann befinden wir uns im motivationalen Aversionsmodus. Im Kohärenzmodus können die positiv formulierten Anliegen bei den Kolleginnen Resonanz finden, diese zum Mit- und Weiterdenken anregen und ein kokreativer Gruppenprozess kann in Gang kommen.

Die „negativen“ Beobachtungen als Herausforderungen berücksichtigen

Die kritisch gesehene Realität findet erst dann Beachtung, wenn wir unser Gestaltungsanliegen gemeinsam visualisierend entfaltet haben. Dann können wir überlegen, wie wir uns zu den gegebenen Bedingungen und Top-down-Vorgaben im Bildungswesen, zur Ökonomisierung, Umweltzerstörung, Pathologisierung und Bürokratie im Gesundheitswesen, der Berichterstattung in den Medien usw. stellen wollen, um unsere Gestaltungsanliegen voranzubringen.

* Um den Geschlechtern in der Sprache halbwegs gerecht zu werden, ohne den Schreib- und 
Lesefluss zu sehr zu verkomplizieren, wird hier im Plural immer die weibliche Form verwendet, es
sei denn, es handelt sich ausschließlich um Männer, und im Singular entsprechend der bislang
üblichen Schreibweise die männliche Form, es sei denn, es handelt sich explizit um eine Frau.

Was sind kokreative Gruppenprozesse?

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Was bedeutet kokreativ?

Kokreativ besagt, dass Neues in einem wechselseitigen Miteinander kreiert wird. Das was ich hier schreibe ist das Ergebnis eines längeren kokreativen Prozesses, in dem ich Gedanken von anderen aufgegriffen habe, mich habe inspirieren lassen, zusammen mit anderen Erfahrungen gemacht habe und dann an einem Punkt in diesem andauernden Prozess mich hinsetze und das momentane Ergebnis in Worte fasse. So gesehen ist jeder kreative Vorgang – wenn man genau hinschaut – ein kokreativer.

Wie können wir Kokreativität in der Gruppe fördern?

Im engeren Sinne verstehen wir kokreativ als gemeinsam kreativ bei gemeinsamer Intentionalität. Intentionalität wird verstanden als die Richtung von Intentionen/Absichten. Durch die gemeinsame Intentionalität von miteinander Kommunizierenden wird ein intentionaler Resonanzraum gebildet. Das bedeutet, dass die Beteiligten sich innerlich in einer passenden / kohärenten Motivation auf ein gemeinsames Ziel ausrichten. Das soll zu Beginn formuliert sein.

Das Ziel kann konkret sein oder noch sehr unbestimmt im Nebel liegen. In einem solchen Resonanzraum kann sich eine kokreative Kommunikation im Flow entfalten. Das bedeutet, dass jeder sich von anderen in seinem Denken anregen lässt, auf Gesagtes eingeht und weiter denkt zur Annäherung an das gemeinsame Ziel.

Definition: Kohärenzmotivation bezeichnet einen inneren Beweggrund, ein Grundbedürfnis, ein Streben immer wieder und/oder mehr Stimmigkeit zu erreichen. (s. Buch: „Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Leben“ von TD Petzold & A Henke)

Ziele müssen dabei positiv formuliert sein. Also z.B. anstatt „Die Umwelt soll nicht zerstört werden.“: „Ich möchte einen achtsamen und aufbauenden Umgang mit der Natur.“ Die Ziele sollen sowohl gefühlt als auch in der Formulierung nach passenden kreativen Lösungen streben, nach Stimmigkeit. Das wird unter Kohärenzzielen verstanden, die aus der Kohärenzmotivation entstehen. Es finden sich so im Prozesse Lösungen, die sich vorher keiner allein ausdenken konnte. Beiträge im kokreativen Gruppenprozess sollen dann eine solche Annäherung im Flow fördern und nicht hemmen. Sie sollen nicht Angst und Unsicherheit verbreiten, nicht aus dem Aversionsmodus kommen. Bedenken und Ängste sollen erst am Schluss des Gesprächs Beachtung finden, sonst könnten sie den kokreativen Prozess hemmen.

Diese Kokreativität im engeren Sinne soll die primäre Art und Weise der Kommunikation im kokreativen Kulturtreffen KKT sein. Damit soll eine Annäherung an stimmige Kohärenzziele ermöglicht, erleichtert und praktiziert werden.

Wie können Widersprüche kokreativ werden?

Im weiteren Sinne, aus einer Metaperspektive reflektiert, kann auch aus Widersprüchen Neues entstehen, wenn nicht einer unbedingt alleine Recht haben will. Dann kann man vom Widerspruch des anderen lernen, selbst wenn dieser aus einer Abwendungsmotivation im Aversionsmodus geäußert wird. So können Prozesse, die gegeneinander geführt werden, in einem dialektischen Sinne verstanden werden, wobei aus einer These und Antithese eine Synthese gebildet wird. Dabei bildet ein Widerspruch jeweils eine Herausforderung zur Weiterentwicklung beider Seiten und kann deswegen ggf. wichtig sein zur Entwicklung – solange er keine totale Überforderung ist.

Das Entstehen einer Synthese kann dann aus einer Metaperspektive als kokreativer Prozess gesehen werden – selbst wenn der Vorgang ohne eine gemeinsam gefühlte Intentionalität erfolgte und im Abwendungsmodus sogar Verletzung und Zerstörung beinhaltet hat (wie z.B. bei einer Revolution). Diese Art von Entwicklung findet statt, z.B. wenn Menschen mit Macht ihr früh, sozial geprägtes Interaktionsmuster im Aversionsmodus und frustrierten Appetenzmodus ausagieren im Glauben, damit Sicherheit, Macht und/oder Reichtum herzustellen. Widersprüche können kokreativ sein, wenn sie nicht vernichtend sind und letztlich vom Willen zur Synthese motiviert sind.

Dann braucht es, um zu einer konstruktiven Synthese zu gelangen, wieder eine gemeinsame Intentionalität zum Kooperieren für einen kokreativen Prozess im engeren Sinne. Diese kokreativen Prozesse in der Gruppe können geübt werden wie z.B. im Kokreativen KulturTreffen KKT. Dazu gibt es einfache und erprobte Regeln. In größeren Gruppen ist eine Moderation durch einen Flow-Meister angebracht (s. a. „Drei entscheidende Fragen – …“ S. 189; und Der Mensch, Heft 58 1-2019, S. 59).

Wovon und wozu anstecken?

Wie „Ansteckung“ bei unterschiedlichen Motivationen verläuft

Theodor Dierk Petzold

Vielen Dank noch mal an Dr. Herrmann, dem Vorsitzenden von KLUG e.V., der das hoffnungsvolle Thema der gesunden Ansteckung ins Salutogenese-Symposium am 18.2.23 eingebracht hat. Er führte an, dass es nur ca. 3,5% der Menschen braucht, um ggf. große Transformationen anzustoßen. Eine Teilnehmerin hatte darauf zu bedenken gegeben, dass es ja auch negative Ansteckung gäbe. Das hat mich veranlasst, dieses Thema differenzierter unter der Lupe der drei Grundmotivationen zu betrachten.

In allen drei Grundmotivationen gibt es „Ansteckung“:

  • Abwendungs- / Aversionsmotivation (Angst, Kampf oder Flucht, ‚Peitsche‘)
  • Annäherungs- / Appetenzmotivation (Lust, Belohnungen, ‚Zuckerbrot‘)
  • Kohärenzmotivation (Heiterkeit, Gelassenheit)

Angst kann sehr ansteckend sein (Abwendungs-/Aversionsmotivation).

Das hat auch einen Sinn. Wenn einer eine Gefahr wahrnimmt, besteht die Reaktion von vielen in der Nähe, dass sie auch weglaufen oder kämpfen – selbst wenn sie die Gefahr noch gar nicht wahrgenommen haben. So können sie auch ihr Leben retten, indem sie dem ersten so weit vertrauen, dass seine Angst einen Grund hatte und ihm folgen, um in Sicherheit zu kommen.

Wenn man merkt, dass die Gefahr gar nicht so groß oder eine Täuschung war, dass man also nicht hätte weglaufen oder schießen oder aufrüsten müssen, lernt man daraus: Dem glaube ich in Zukunft nicht mehr so leicht.

So ist es für jeden Menschen, jede Gesellschaft in jeder Generation ein neuer lebenslanger Lernprozess: Die aktuellen und vorhergesehenen Gefahren richtig einzuschätzen und angemessen zu reagieren. Wenn ich die Angst des anderen nicht ernst genug nehme, kann es sein, dass ich selbst Opfer dieser Bedrohung werde. Wenn ich mich aber zu leicht von Angst anstecken lasse und überreagiere, kann ich mich selbst in unnötigen Stress und in Gefahr bringen und je nach Reaktion auch andere gefährden.

Verlockende Ziele können ansteckend sein (Annäherungs-/Appetenzmotivation)

blankIm Annäherungs-/Appetenzmodus ist lautes Lachen wie auch lustgesteuerte Aufmerksamkeit ansteckend. Es hat den Sinn, dass man sich einem anschließt, der eine Nahrungsquelle geortet hat – auch wenn man sie selbst noch nicht wahrgenommen hat. Diese Ansteckung im Appetenzmodus erhöht die Wahrscheinlichkeit, verlockende Annäherungs-ziele zu erreichen. Sie ruft gelegentlich Neid hervor und führt zum Wetteifern um ein Lustobjekt, eine Belohnung und ggf. auch zu Gier und Kampf um attraktive Objekte und Ressourcen und/oder zu Eifersucht oder anderen Süchten.

Wie ansteckend ist Gelassenheit und Heiterkeit? (Kohärenzmotivation)

Die beiden genannten Ansteckungen entstehen meist schnell und halten auch nur für kurze Zeit. So wie das Ziel erreicht ist: die Gefahr abgewendet wurde oder verschwunden ist bzw. das attraktive Objekt vereinnahmt wurde, kommt es leicht zu Frustrationen und Konflikten bis hin zu Kämpfen untereinander. Womöglich hilft Gähnen, um innerlich aus diesen Hamsterrad-Modi auszusteigen und zur Ruhe zu kommen. Auch der Ruhemodus kann ansteckend sein.

Die Ansteckung im Kohärenzmodus erfolgt nicht über die Wahrnehmung einer Bedrohung oder der Erwartung einer Belohnung, sondern eher im Gefühl der Geborgenheit, oder im Einvernehmlich-Sein, eine intentionale Verbundenheit in Gelassenheit und Dankbarkeit, eine tiefe seelische Verbundenheit. Dazu gehören Emotionen, also Gefühle, die uns besonders bewegen, wie hier insbesondere Freude und Trauer. Wobei Trauer den Abschied von sinnlicher Verbindung begleitet und hin zu einem Bewusstsein einer tieferen und abstrakteren Verbundenheit leiten kann – bis hin zu Freudentränen. Auch innere Heiterkeit und Humor, ethische Werte und praktische Erfahrungen fairer Kooperation können uns im Kohärenzmodus anstecken. Der Kohärenzmodus ist auch ein Modus der Würde und Autonomie, die sich in der Tiefe wohl nicht manipulativ herstellen lässt, sondern eher durch Wahrhaftigkeit und Authentizität überträgt.

Wovon und wozu willst du dich anstecken lassen?

Womit und wozu möchtest du andere anstecken?

(Bildquelle: https://www.pinterest.de)

Kokreative Kulturtreffen KKT: Was wollen wir kultivieren?

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Eine zukunftstaugliche Kultur kohärent gestalten!

Theodor Dierk Petzold

Viele reden von Wandel, Transformation, Great Reset oder der Bundeskanzler zuletzt von „großer Zeitenwende“.  Auch wenn die AutorInnen jeweils z.T. sehr unterschiedliche Vorgänge beschreiben und divergierende, häufig noch Abwendungs-Ziele haben: das Empfinden, dass sich grundsätzlich etwas ändert oder ändern muss, ist weit verbreitet. Wir – Menschen – wollen etwas verändern. Wir sind die agierenden Subjekte des Wandels, der „Zeitenwende“ und nicht ihre Opfer. Wir sind die Subjekte möglichst einer großen Erneuerung von unten her – bottom up!

Sicher ist es gut, an verantwortliche Personen in führenden Positionen Appelle zu richten – z.B. zum Frieden, zum achtsamen Umgang mit der Natur u.a.m. Aber wenn wir auf ein Handeln dieser Personen warten, geben wir unsere Mitgestaltungsmacht ab und erhöhen das Risiko, dass wieder einmal mehr vor allem die Interessen und Absichten der Reichen und Mächtigen umgesetzt werden.

Wir brauchen etwas anderes als „Kampf gegen … „

Aktuell findet die öffentliche Diskussion überwiegend im Abwendungs-/Aversionsmodus statt mit Verurteilung und mit Bestrafung wie „Peitsche“. Gelegentlich wird auch gelobt, als Belohnung für angeblich korrektes Verhalten als „Zuckerbrot“, um die Annäherungs-/Appetenzmotivation anzuregen. Die öffentliche Berichterstattung ist stark geprägt vom moralischen „Zuckerbrot und Peitsche“. Nur selten wird kreativ und aufbauend über sinnvolle Ziele im Sinne eines guten Lebens für Alle gesprochen oder geschrieben. Ein gutes Leben für möglichst Alle wird nur in kohärenter Kooperation untereinander und mit der Natur gelingen. Deshalb brauchen wir eine große Erneuerung mit Kohärenzmotiven.

Unser Beitrag hier zur großen Erneuerung

Unser Beitrag zu diesem transformativen Vorgang ist eine Erneuerung unseres Denkens über die Welt einschließlich uns Menschen. Im Anthropozän sind wir die Mitgestalterinnen durch faire Kooperation miteinander und mit der Umwelt.

Es geht darum, für diese Mitgestaltung als menschliche Kulturen als Hauptakteure jetzt Verantwortung zu übernehmen. Zu diesem Prozess der bewussten Mitverantwortungsübernahme für die „Mutter Erde“ ist eine Reflexion unserer Motivationen hilfreich oder sogar erforderlich. Unser Verhalten resultiert aus unserer Motivation. So ist unsere Zukunft das Ergebnis letztlich unserer Motivation, die in Wechselbeziehung zur Umwelt entsteht.

Der Motivation auf der Spur

Was motiviert uns in Wechselbeziehung in der Natur wie Biosphäre – als Individuum, als Gemeinschaft und als Kultur? Was ist heute im Anthropozän unsere Rolle bei der Mitgestaltung der Biosphäre?

Können wir unsere Motivation bewusst neu regulieren – als Individuum, Gemeinschaft und als Kultur? Damit unser Verhalten zukunftsfähig aufbauend und kohärent mit der Umwelt ist?

Was wollen wir kultivieren?

Durch die„kokreativen Kulturtreffen KKT“ gestalten wir die Zukunft aus unserer Kohärenzmotivation heraus ko-visionär und praktisch mit.

Beim KKT geht es um:

  • Finden, Benennen und Visualisieren: Gute kulturelle und globale Rahmenbedingungen für ein gutes Leben für möglichst alle in der Biosphäre
  • Austausch über Erfahrungen guter Praxis
  • Üben von Kommunikation im Kohärenzmodus

Die KKT finden jeweils am ersten Sonntagabend im Monat statt.

Immer wieder im Kohärenzmodus miteinander zu kommunizieren, bedeutet auf Stimmigkeit und Integration  in Bezug auf ein gutes Leben in der Biosphäre zu achten. Das innere Kriterium für den Kohärenzmodus ist Freude und Dankbarkeit. Freude und Dankbarkeit sind zwar nicht die einzigen aber die letztlich maßgeblichen Qualitäten, die wir in unseren Treffen immer wieder spüren wollen.

Das erste KKT findet am Sonntag, den 5. März von 20.00-21.30 Uhr online statt (kostenfrei) – anmelden hier oder per Mail an info@salutogenese-zentrum.de.

Wir freuen uns auf Sie / Dich!