Wenn wir den Sprachraum als Mitgestaltungsraum wollen…?

Im miteinander Reden teilen wir unsere Bedürfnisse und Anliegen mit, unsere evolutionär entwickelten und erprobten Instinktmuster, unsere Kenntnisse sowie unsere intuitiv erfassten Informationen aus womöglich geistigen Quellen. Der verbale Austausch dient dem Abstimmen unseres Miteinander-Lebens sowie letztlich unserem Kooperieren zum Zwecke eines guten Lebens für möglichst Alle. Im Sprachraum kokreieren wir die Zukunft. Dabei spielt auch die Kommunikation über wahrgenommene Bedrohungen und den Umgang damit eine wichtige Rolle.

Dieser ursprünglich und originär kokreative Sprachraum erfährt heute allerdings einen Übergang ins Ungewisse – ganz besonders durch die Einseitigkeit und Kommerzialisierung der Top-down-Struktur der Massenmedien. Massenkommunikation ist fast gänzlich einseitig und damit eine Machtausübung mittels Sprache (s. Kommentar von Susanne Sußner vom 1.11.2023).

Sprache als Machtinstrument

Heute wird so der Sprachraum über Massenmedien weitgehend von wenigen Menschen und Organisationen top-down dominiert. Von einer 4. Gewalt im Staate ist die Rede, die (noch) nicht bottom-up-demokratisch legitimiert ist. Sie ist als Teil der kapitalistischen Marktwirtschaft wesentlich kommerziell geprägt. Im blankkapitalistischen Wettbewerb zählen hohe Verkaufszahlen. Diese werden erreicht, indem Medien die Aufmerksamkeit der Massen auf psychologischer Basis durch emotional tangierende Schlagzeilen und Aufmachung wecken und einfangen (vgl. „Sozialmedizinische Fallstudie“ von Petzold).

Zur Psychologie der Aufmerksamkeit

An dieser Stelle kommt die Psychologie ins Spiel, die sich die Werbe-, Kommunikations- und Medienpsychologie zunutze machen, um den Verkauf zu optimieren. Die Aufmerksamkeit der Massen lässt sich kurzfristig am besten erreichen durch Bedrohungsmeldungen – egal, ob und in welchem Ausmaß diese wirklich vorhanden sind – sowie Berichte von Persönlichkeiten mit großem Ansehen.

Dass wir angesichts von Bedrohungen schnell agieren, um diese abzuwenden, macht evolutionsbiologisch und psychologisch Sinn. In unserer Zivilisation und für die Massen haben wir in aller Regel allerdings genügend Zeit, um überlegt, in Ruhe und Vorbereitung auf Gefahren zu reagieren. Ständige Krisenmeldungen erzeugen nur unnötigen Stress und Angst und machen manipulierbar. Das wird als Überlebenskampf gerechtfertigt. Allerdings brauchen wir für unser nachhaltiges (Über-)Leben in Gesundheit und Wohlergehen, für unsere Salutogenese vielmehr Gelassenheit, Ruhe, Langsamkeit, Entspannung und Kreativität und eine gesellschaftliche Abstimmung über positive Ziele (s. Petzold & Henke 2023). Vermutlich wären Schlagzeilen zum Thema eines guten Lebens und Frieden überall für viele langweilig. Damit können die Verlage im Rahmen kapitalistischer Konkurrenz vielleicht nicht genug Gewinn machen.

Neuropsychologisches Verstehen

Die menschliche Psychologie wird von drei Grundmotivationen bestimmt, die jeweils neuronalen und hormonellen Netzwerken zugeordnet sind (s. Petzold & Henke 2023). Es sind 1. die langfristig übergeordnete Kohärenzmotivation, die nach einem stimmigen, passenden Leben mit der Umwelt strebt (verknüpft mit dem Präfrontal-Cortex PFC, Serotonin, Parasympathikus); 2. Die Appetenzmotivation, die nach Belohnung, wie Lusterleben z.B. durch Nahrungssuche und -aufnahme sucht (Lustzentren im Gehirn, Dopamin, kann sowohl mit dem 1. und 3. neuronalen Motivationssystem verknüpft sein); und 3. Die Aversionsmotivation, die Sicherheit durch Abwenden von Bedrohungen erreichen soll (Mandelkern, Adrenalin, Kortisol, Sympathikus, Stresssystem).

Alle drei Grundmotivationen sind in jedem Menschen von der evolutionären Anlage her vorhanden und können durch Umwelteinflüsse angeregt werden. Unsere Umweltbeziehungen werden über diese Grundmotivationen geregelt. Für ein gesundes und gutes Leben brauchen wir ein gutes Zusammenspiel dieser drei motivationalen Systeme. Für unser Thema hier ist besonders die Anregung durch Sprache interessant. Verbale Kommunikation erreicht bei vielen Menschen ihre tieferen Schichten der Motivation nicht so schnell und leicht. Es braucht dazu dann Bilder und häufige Wiederholungen.

Psychologische Kommunikations- und Interaktionsmuster

Durch ständige Bedrohungen wie Krisenszenarien in Massenmedien geschieht massenpsychologisch nun folgendes. Es bilden sich (mindestens) drei große Gruppen oder Kategorien von BürgerInnen:

  1. Immer mehr Menschen gucken und lesen zur eigenen Psychohygiene keine Nachrichten und Schlagzeilen mehr – als Selbstschutz, um noch hinreichend im gesundheitsförderlichen Kohärenzmodus zu bleiben.
  2. Die zweite Gruppe erscheint mir zur Zeit (noch?) als die größte: Sie konsumieren die bedrohlichen Nachrichten und Schlagzeilen und resonieren im Aversionsmodus. In diesem Gefahren-Abwendungsmodus entsteht ein instinktives Täter-Opfer-Rächer/Retter-Interaktionsmuster. Dabei strebt jeder, der sich bedroht fühlt (als potentielles Opfer) nach genügend Macht und Verbündeten, um potentielle Täter abzuwenden, zu neutralisieren (= Rache, Vergeltung, Verurteilung, Präventivschlag), und ggf. um Opfer zu retten. Es entsteht eine Macht-Opfer-Dynamik, die leicht zur Eskalation von Konflikten sowie zur Aufrüstung führt.
    Diese große Gruppe, die im Aversionsmodus entsprechend auf die bedrohlichen Nachrichten resoniert, spaltet sich auf in zwei Untergruppen:
    1. Diejenigen, die inhaltlich der Benennung des bedrohlichen Feindes durch die Massenmedien zustimmen und Partei gegen diesen ergreifen, der sog. Mainstream;
    2. Diejenigen, die zwar auch im Aversionsmodus resonieren, aber der Benennung des Feindes widersprechen, diese ablehnen und den sog. Mainstream kritisieren oder gar bekämpfen.
  3. Die dritte Gruppe ist schwankend. Sie lesen und hören gelegentlich die Nachrichten über die Bedrohungsszenarien, ohne sich davon jeweils sehr anstecken zu lassen. Sie identifizieren sich mal mit dem einen, mal mit dem anderen oder mit keiner Partei. Sie finden zwischendurch immer wieder in ihre Stimmigkeit, ihren Gelassenheitsmodus, zu ihren Bedürfnissen, Anliegen und Ansichten – zu ihren Ressourcen zu friedlichen Lösungen.

Schlussfolgerungen zur Lösung der verletzenden Muster

Um diese Kommunikationsmuster im Abwendungsmodus heilsam zu lösen, hilft einerseits deren Erkennen und Metareflexion, um dieses Muster rechtzeitig abzubrechen. Weiter bräuchte es die (Selbst-?)Disziplin der Medien und AutorInnen, dass diese bei jeder geschilderten Bedrohung auch Anliegen, Ideen, Gedanken und Ansätze zur Lösung nennen und (zumindest) Fragen danach stellen. Dadurch können LeserInnen und KonsumentInnen angeregt werden, nach Lösungen zu suchen, ihre eigenen lösungsorientierten Bedürfnisse und Anliegen zu finden und zu kommunizieren und nicht ausweglos in der instinkthaft geprägten, zur Eskalation neigenden und stressenden Macht-Opfer-Dynamik hängenzubleiben.

Um das zu gewährleisten, könnte ein demokratisch legitimierter, von der Politik und Ökonomie unabhängiger Rat eine Aufsicht über die Massenmedien, die 4. Gewalt, führen. Medien müssen unabhängig vom kommerziellen Markt und der Politik und Lobbys sein. Sie sollen Kommunikationsforen für die Menschen bieten, in denen diese ihre wichtigen Anliegen austauschen und abstimmen können.  Dazu sollen Medien mehr Möglichkeiten zur aktiven Beteiligung der Massen kultivieren. So könnte womöglich auch im Feld der medialen Massenkommunikation ein erweiterter kokreativer Sprachraum hergestellt werden.

Theodor Dierk Petzold

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