Mensch-Sein neu denken

Mit unserem Mensch-Sein sehen wir uns heute vielen großen Problemen gegenüber und noch mehr attraktiven Möglichkeiten. Wie können wir die Probleme lösen und die guten Möglichkeiten Wirklichkeit werden lassen?

Mensch-Sein hat Geschichte und Zukunft, Erfahrungsraum und Möglichkeitsraum, Körper und Geist, Erde und Himmel sowie Gegenwart und viele Details…

In dem systemisch evolutionären Menschenbild von TD Petzold wird unser Mensch-Sein als gewordenes und werdendes sowie mitgestaltendes Produkt unserer Mit- und Umwelten verstanden. Wir sind Teile von größeren Ganzheiten, von Familien, Biotopen, Kulturen, Landschaften, der Menschheit, der Biosphäre und des Universums (s.a. „Lebensdimensionen“). Und wir gestalten diese größeren Übersysteme mit – mehr oder weniger bewusst.

In der heutigen historischen Epoche, die von GeologInnen Anthropozän genannt wird, weil die Zivilisationen die Erde, die Atmosphäre und Biosphäre entscheidend mitgestalten, sind wir angesichts der bedrohlichen Ausmaße und Möglichkeiten dieser Mitgestaltung zur Übernahme globaler Verantwortung aufgefordert. Das erfordert ein Menschenbild, in dem wir erstens die nötige Freiheit zur Entscheidung haben und zweitens die erforderlichen Fähigkeiten, diese Verantwortung zu übernehmen. Weder ein physikalisch geprägtes noch ein biologistisches Menschenbild gestehen dem Menschen diese Möglichkeiten und Fähigkeiten zu.

Autonomie und Freiheit in Resonanz zu unseren Übersystemen

Mit dem Erkennen unserer Selbst als autonom reguliertes Wesen in Resonanz zu unserer Familie, Kultur, Biosphäre usw. sind wir sowohl autonom und frei als auch in wechselseitiger Beziehung zu unseren Übersystemen. Jedes System hat seine eigene Kohärenz. Dabei haben bestimmte Kategorien jeweils eine charakteristische Kohärenz. In der Familie wird primär und zwischen 80-100% nonverbal kommuniziert, in kulturellen Kontexten heute ähnlich viel verbal und global muss man sich in der Kommunikation verständigen, welche Phänomene mit der jeweiligen Sprache gemeint sind – eine phänomenale metasprachliche transkulturelle Kommunikation. Innerhalb jeder Systemdimension (auch im Biotop oder der Biosphäre) haben die Lebewesen eine eigene autonome Stimmigkeitsregulation (s.a. „Dynamik komplexer Selbstregulation“). Die Selbstregulation hat zwei Ziele: einmal das eigene Leben zu vermehren und entfalten und zum anderen, sich in die Umwelten zu integrieren (das ist mehr als nur anpassen!).

Mit dem Verstehen unseres Selbst in wechselseitiger Resonanz mit größeren Systemen lösen wir viele (Schein-)Widersprüche auf: zwischen entweder individuell oder durch die Umwelt gesteuert, entweder genetisch gesteuert oder frei und selbstbestimmt, entweder egoistisch oder altruistisch und Ähnliche mehr. Resonanz ist ein Mitschwingen in der Eigenschwingungsfähigkeit, ein Antworten.

Fähigkeiten des Menschen  

Die Fähigkeiten, die wir haben und noch ausbauen und kultivieren müssen, um diese große Aufgabe zu meistern, sind: Empfänglich für wichtige Informationen aus unseren Übersystemen zu sein sowie auch von unsren Mitmenschen (mehrdimensionale Resonanzfähigkeit). Daraus ergeben sich unsere jeweiligen Kohärenzziele für unser gutes Leben.

Im zweiten Schritt brauchen wir Kooperationsfähigkeit für unser übergeordnetes Ziel eines guten Lebens möglichst aller Menschen auf der Erde in dieser Biosphäre. Michael Tomasello hat in seinen Grundlagenforschungen zur Kooperation schon bei kleinen Kindern ab 9-12 Monaten folgende kooperative Fähigkeiten und Qualitäten festgestellt (Tomasello 2010, 2020): Menschen gehen aufeinander ein, prüfen und klären immer wieder ihre Intentionalität, kommunizieren ihre Rollen in der Kooperation und übernehmen und helfen sich gegenseitig, wenn jemand mal seinen Job nicht so machen kann, wie er wollte. Wir haben alle diese menschlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten zur Kooperation als Anlage in uns. Wir können und sollten sie mehr kultivieren anstatt sie zu ignorieren und zu zerstören. Auch das Menschenbild als eines egoistischen homo oeconomicus, oder von egoistischen Genen gesteuertes oder um ein individuelles Überleben kämpfendes Wesen wirken zerstörerisch auf unsere kooperativen Fähigkeiten.

Weiter werden unsere Fähigkeiten immer deutlicher durch neuro-psychologische Studien, die die große Bedeutung von motivationalen Systemen aufzeigen und wie unser Denken, Fühlen und Handeln ganz wesentlich von unseren Beziehungen, also Kooperationen mitbestimmt werden. In Bezug auf die motivationalen Systeme hat sich gezeigt, dass Menschen in der Lage sind, frei zu entscheiden, ob sie einer Verlockung, die über das dopaminerge Annäherungssystem motiviert wird nachgehen oder nicht und ebenso, ob sie angesichts einer Bedrohung sich entscheiden, ob sie im Affekt des Abwendungssystems dagegen kämpfen oder mit einem kühlen Kopf geeignete Maßnahmen überlegen und abwägen. Letzteres geschieht im Kohärenzsystem – im Englischen „liking“ genannt.

Globale Ethik zum zukunftsfähigen Mensch-Sein

In seinem globalen Verantwortungsbewusstsein ist der Mensch ethisch. Dieses globale Verantwortungsbewusstsein ist der Kern einer zukunftsfähigen Ethik. Daraus resultiert dann die verantwortungsvolle Kooperation im Kohärenzmodus: global visionieren – lokal und global kooperieren (s.a. www.globale-ethik-blog.net).