Foto: Daniel Biber 2018: Staren-Schwarm in Bewegung (Quelle: Pinterest)

 

In den letzten Beiträgen habe ich immer wieder Trennendes in der Sprache beschrieben. Jetzt möchte ich einmal beim Verbindenden bleiben. Dazu gehe ich einer These nach:

Alle Menschen sind miteinander in der Biosphäre verbunden. Und: Diese implizit und systemisch bestehende Verbundenheit strebt nach Realisierung in der beobachtbaren Welt.

Die Verbundenheit als eigene systemische Einheit betrachtet strebt zur Erscheinung durch Kommunikation und Kooperation ihrer Teilsysteme (auch Agenten genannt)[1]. Wir Menschen haben schließlich alle denselben Ursprung, dieselben Urahnen. Immerhin atmen wir alle die Luft derselben Atmosphäre ein und aus. Immerhin ernähren wir uns von Pflanzen und Tieren, die auch zu unserer Biosphäre gehören und letztlich einen gemeinsamen Ursprung haben. Wir sind alle Teile desselben Übersystems, der Biosphäre.

So erscheint es nur natürlich, dass wir – nachdem wir als körperlich abgenabelte und begrenzte Einzelwesen in diese Welt geboren sind – danach streben, unsere tiefe systemische Verbundenheit wiederzufinden und zum Ausdruck zu bringen. Das tun wir u. a., indem wir mit unseren Mitmenschen kooperieren, sinnliche Nähe suchen und als Erwachsene im Geschlechtsakt sogar so kokreativ vereinigen können, dass Ei- und Samenzelle zusammenfinden zu einem neuen Menschen. Das hat teilweise auch ohne Sprechen ganz gut funktioniert.

Aber wenn ich mich mal von meinen Liebsten entfernt habe und wieder zurückkomme, trennen mich meine alleine gemachten Erfahrungen von ihnen. Ich will meine Erfahrungen mitteilen und vergemeinschaften. Das ist einer von zwei Hauptgründen für das Entwickeln von Sprache. Dazu brauche ich zur Sprache immer wieder Pausen zum Einstimmen.

Der zweite Hauptgrund zum Sprechen sind in die Zukunft gerichtete Vorhaben. Um mit anderen etwas zu unternehmen, ein praktisches Ziel zu erreichen, muss ich ihnen meine Absicht mitteilen. Dazu ist das Sprechen hilfreich bis unersetzlich. Um mit anderen ein Haus zu bauen, muss ich das absprechen. Sprache dient mir immer zum Wieder- und Neu-Verbinden wie auch zum Kooperieren selbst bei räumlicher Trennung.

Die Komplexität der Verbundenheit

Wie gerade angedeutet ist die Verbundenheit in der Biosphäre extrem komplex. Schon in meiner Familie ist die gefühlte und gelebte Verbundenheit so komplex, dass ich mit Worten nur kleine Teilaspekte davon beschreiben kann. In meiner Gemeinschaft und meinem Biotop ist sie noch komplexer. In meiner Nation und Kultur sind die wechselseitigen Dynamiken wiederum dimensional komplexer – da kenne ich nur einen kleinen Bruchteil der in ihr verbundenen Menschen und weiteren Teilsysteme. Wie komplex sind erst meine Beziehungen in der Biosphäre?

Angenommen, ich habe innere Antennen, Sensoren für unterschiedliche Aspekte der Verbundenheit: Temperaturfühler für die Temperatur meiner Umgebung und meines Körpers, Gasfühler für den Sauerstoff und Kohlenoxidgehalt der Luft und anderer Gase und Chemikalien außen und innen, Resonanz-/Spiegelneuronen für das Befinden meiner Mitmenschen (Mitgefühl), Sensoren für den Zustand der Natur um mich herum… – womöglich habe ich auch noch Antennen für das Empfinden und Befinden von Menschen aus Afrika, Südamerika, Indien… und für den Zustand der Natur insgesamt? Gibt es zur Beschreibung all dieser wahrgenommenen Verbundenheit in ihren einzelnen und veränderlichen Aspekten genügend und treffende Worte? Oder muss ich mich damit begnügen, dass ich immer nur Bruchstücke bewusst wahrnehmen und kommunizieren kann?

blankGrafik: Im Laufe der Evolution der Lebewesen wurde die Kommunikation und Kooperation zwischen Individuen immer komplexer – womöglich entsprechend der evolutionären Tendenz nach (An-)Passung von Lebewesen an ihre mehrdimensional komplexere Kohärenz der Umwelt.

So ist unsere Sprache von vornherein ein Versuch mit sehr begrenzten Möglichkeiten, die tatsächlich vorhandene Verbundenheit auszudrücken. Eine andere Sprache in einer anderen Kultur drückt andere Aspekte der Verbundenheit aus und realisiert andere Aspekte. Mit einem Verstehen anderer Sprachen und Kulturen kann ich mein Verstehen der Möglichkeiten der Verbundenheit erweitern. Weiter kann ich die Begrenztheit der eigenen Sprache klarer reflektieren.

Allerdings kann ich mich mit dieser prinzipiellen Beschränkung der Sprache auch zufriedengeben. Ich kann mir und dir sagen, dass es ok so ist, wie es ist, und mich darüber freuen, dass wir uns mit Hilfe der Sprache über unsere Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen ebenso austauschen und abstimmen können wie über womöglich neue Kooperationen. Vernetzungen, die wir miteinander knüpfen, schaffen Konkretisierungen einer möglicherweise vorab bestehenden impliziten Verbundenheit. Durch vernetzte Kooperationen kann die Verbundenheit sich explizit kokreativ entfalten. Diese sind dann unsere Verwirklichungen der vorbestehenden impliziten Verbindungen. Dazu dient Sprache.

Babylonische Sprachverwirrung

Dabei erleben wir häufig, dass Menschen mit denselben Wörtern ganz unterschiedliche Dinge meinen. Dazu habe ich den letzten Beiträgen in diesem Blog schon eine Reihe von häufigen Beispielen aufgeführt. So erscheinen schon innerhalb einer Sprache das Verstehen und Kooperieren allein mittels Sprache (wie z. B. über E-Mails) oft schwierig. Ich muss möglichst den ganzen Menschen erleben, um seinen Worten die passende Bedeutung zu geben. Und selbst dann kann sich nach einer Weile herausstellen, dass wir aneinander vorbeigeredet haben, dass ich unter seinen explizierten Absichten etwas anderes verstanden habe, als er umsetzen konnte. Noch viel schwieriger wird es, wenn ich mit einem amerikanischen Kollegen über eine Kooperation zu einem gemeinsamen Artikel spreche. Ich erinnere mich an die babylonische Sprachverwirrung.

Schon vor Abrahams Zeiten – kurz nach der Sintflut – soll es in Babylon eine Sprachverwirrung gegeben haben. Diese soll dazu geführt haben, dass der König Nimrod mit den Babyloniern seinen Turmbau nicht weiter schaffen konnte. Ohne ein Absprechen der jeweils nächsten Schritte konnten diese nicht mehr kooperieren.

Ähnlich fühle ich mich heute oft, wenn ich in Medien, wie auch Büchern lese: oft schöne Worte, die in meiner Vorstellung einen Kartenturm formen, dessen Karten plötzlich an bestimmten Punkten nicht zusammenpassen – mit der Wirkung, dass der ganze Turm in sich zusammenfällt. Diese Tendenzen sehe ich heute noch verstärkt, wenn die Sprache in Medien von der sog. Künstlichen Intelligenz KI produziert wird. KI will und kann nicht kokreativ kooperieren, sondern nur Befehle ausführen und Kartentürme konstruieren.

Ein gemeinsames und neues Verstehen der Sprache?

Mir hilft ein vorhandenes Bewusstsein und Empfinden der Verbundenheit mit anderen Menschen sowie mit der Natur auch jenseits der Sprache. Und auch jenseits der Emotionen, die oft trennend sind und schmerzhaft. Wenn wir unsere Schmerzen, die im Leben immer wieder mal auftreten können, als individuellen Trennungsschmerz verstehen, so kann uns dieser darin erinnern, dass es hinter und über dem sichtbaren Getrenntsein eine größere lebendige und tiefere Verbundenheit gibt – eine systemische, (virtuelle) metaphysisch und gleichzeitig physisch funktionelle, informierende.

Wenn ich mit diesem Bewusstsein von tiefer und informierender Verbundenheit meinen Mitmenschen begegne, komme ich in die Lage, hinter allen sprachlichen, ggf. gefühlsmäßig trennenden Widersprüchen, Kritiken, Meinungsverschiedenheiten und Anfeindungen eben diese menschlich natürliche und lebendige Verbundenheit zu erkennen. Ich kann immer öfter verstehen, wie es trotz der tiefen impliziten Verbundenheit zu derlei Gegensätzlichkeiten kommen konnte und kann. Das ist ein Verstehen einer Wahrheit, die hinter der Sprache liegt. Indem ich darüber spreche, kann ich diese Wahrheit auch in die gelebte Wirklichkeit bringen.

Bei Anna Greinetz möchte ich mich für das Lektorieren und konstruktive Vorschläge zu dem Post bedanken!

Theodor Dierk Petzold

[1] Bertalanffy L v (1949,1990) Das biologische Weltbild. Böhlau Verlag Wien, Köln 1990;

Luhmann N (1987) Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp;

Petzold TD, Henke A (2023) Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Leben. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung.

Sprache zur Verwirklichung von Verbundenheit

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1 Kommentar
  1. Sandra Kunz
    Sandra Kunz sagte:

    Lieber Theo, danke für diesen wunderbaren Artikel.
    Ich gehe mit vielem darin in Resonanz. z.B. bei folgendem Satz:
    Oder muss ich mich damit begnügen, dass ich immer nur Bruchstücke bewusst wahrnehmen und kommunizieren kann?

    Ja, ich denke die komplex erlebte Welt, in der – ich bin – kann nur im Ansatz und bruchstückhaft ausgedrückt und benannt werden. Dieses zu benennen, zu beschreiben stellt ein Versuch dar, das Gesamte kann nicht zur Gänze kommuniziert werden. Würde glaube ich auch nicht Sinn machen und „zu lange dauern“.
    Ich glaube es geht darum, immer genau das anzunehmen, was im Moment am Meisten Resonanz in mir findet. Zu fühlen, was ist jetzt im Moment wichtig, womit darf/muss ich mich jetzt auseinandersetzen.

    Mein Bemühen die eigenen Bedürfnisse klar zu haben und diese dann als Ich-Botschaft an die richtige Adresse zu kommunizieren, ist bereits ein SchöpferInnenakt im Gefüge. Dass ich gehört werde löst bei mir Verbundenheit aus, verstanden zu werden rückt dann manchmal sogar an zweiter Stelle.

    Sich zugehörig fühlen ist gelebte Verbundenheit. Ich glaube erwachsene Menschen streben nach Verbundenheit im Sozialen Bereich und in der Kultur. Sie möchten sich zugehörig fühlen. In diesem Wort steckt schon drinnen, dass sie sich Gehört fühlen wollen – vom Übersystem Kultur – und über-Übersystem einer „Spirituellen Sippe?“ oder dem noch Höheren All, welches sich in Allverbundenheit ausdrückt.

    Darin Resonanz zu bekommen, als Zeichen oder einer Antwort in Form von Sprache ist sozusagen die Bestätigung. Die in Worten gefasste, hörbare Sprache stellt für mich eine Form der Verständigung dar, neben vielen anderen Formen. Ich denke da an Telepathie und dass Ureinwohner diese Form der Kommunikation teilweise bevorzugen. Sie nutzen Stimme zum gemeinsamen Singen oder um sich zu warnen bei Gefahr.

    Vielleicht kann Sprache in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlicher Intensionen dienen. Vielleicht braucht man nicht mehr viele Worte, wenn man sich kohärent und verbunden fühlt bei größtmöglicher Akzeptanz seiner Eigenart.

    Diese beiden Sätze vom obigen Text haben mich sehr berührt:
    Durch vernetzte Kooperationen kann die Verbundenheit sich explizit kokreativ entfalten. Diese sind dann unsere Verwirklichungen der vorbestehenden impliziten Verbindungen. Dazu dient Sprache.

    Wenn wir unsere Schmerzen, die im Leben immer wieder mal auftreten können, als individuellen Trennungsschmerz verstehen, so kann uns dieser darin erinnern, dass es hinter und über dem sichtbaren Getrenntsein eine größere lebendige und tiefere Verbundenheit gibt…

    Danke nochmals LG Sandra

    Antworten

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