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Zurzeit gibt es auf vielen Ebenen Initiativen zur Aufarbeitung der Pandemie. Im Bundestag wurde eine Enquete-Kommission gefordert. Der Chef-Virologe Drosten wurde heute (11.7.23) in der lokalen Zeitung mit Aussagen auf einem Symposium des hessischen Sozialministeriums derart zitiert, dass es keine besonderen medizinischen Lehren aus der Pandemie für weitere Pandemien gebe, da das Corona-Virus einzigartig sei. Nur in Bezug auf die Politik und die Kommunikation sollten Lehren gezogen werden… Inzwischen hat ein EU-Sonderausschuss schon kritische Ergebnisse vorgelegt und einen „ganzheitlichen Ansatz zur Pandemieprävention“ empfohlen. Dabei denkt sie allerdings noch immer nur an „Handlungsgrundsätze zur Bekämpfung, Vorbereitung, Verhütung und Reaktion auf Pandemien“ und nicht an primär gesundheitsorientierte Fragestellungen.

Andere kritische Ansätze zur Aufarbeitung

Eine große Gruppe von WissenschaftlerInnen aus dem Gesundheitsbereich wie aus dem EbM-Netzwerk (Evidenzbasierte Medizin) hat als „Initiative Pandemieaufarbeitung“ in ihrem „2. Offenen Brief“ drei Punkte hervorgehoben, in denen sie starke Brüche im wissenschaftlichen Diskurs durch den Umgang mit der Pandemie sieht: In der Evidenzbasierung, der Patienten-Autonomie und einem demokratischen Führungsstil („Governance“) statt nur Top Down. Dabei haben alle Aspekte, insbesondere die Bedeutung und Achtung der Autonomie, medizinische Relevanz. Wie auch die Kommunikation sind sie wichtige gesundheitliche Aspekte.

Außerdem gibt es weitere Papiere zur Pandemieaufarbeitung, wie die „Wiener Thesen“, die „Berliner Thesen“ und andere. Jeweils nennen die AutorInnen die ihnen wichtig erscheinenden Stärken und Schwächen bzw. Konzepte der Pandemiebewältigung. Dabei kommt eine Sammlung von mehr oder weniger wichtigen Aspekten zusammen, allerdings keine überzeugende gemeinsame Orientierung. Die Intention und Ausrichtung der einzelnen Beiträge ist mehr implizit und hinter den genannten Aspekten zu ahnen. Die subjektiv und metativ (=metasubjektiv) nach Wissenschaftsdisziplin (Virologie, Mathematik, klinischer Medizin, Allgemeinmedizin, Pflege, Public Health, politischer Parteien u.a.) geprägten Beiträge passen nicht ohne Weiteres zusammen. Es fehlt die gemeinsame übergeordnete Fragestellung; und entscheidend: die menschliche Motivation zur Gesundheit – unser implizites Entwicklungsstreben zu einem guten Leben, das mehr und meistens etwas anderes ist, als das Abwenden von Krankheiten.

Angstgeleitete oder gesundheitsorientierte Fragestellungen?

In der Wissenschaft ist die Fragestellung das Wichtigste, wie schon Antonovsky (1997) zur Salutogenese geschrieben hat. Die Fragestellung ist für das Design und für das Ergebnis der einzelnen Studien maßgeblich. So werden die Ergebnisse der Betrachtungen und Untersuchungen je nach Fragestellung sehr unterschiedlich sein.

Ist die Fragestellung angstgeleitet im Aversionsmodus formuliert (zum Vermeiden der „Peitsche“), z.B.: Wie können Tote verhindert werden? Wie kann das Virus bekämpft werden? Wie können wir unsere politische Position bzw. unser System verteidigen? Wer hat Recht?

Oder ist sie aus einer gierigen Appetenzmotivation gestellt, wie beispielsweise: Wie verdiene ich das meiste Geld in der Krise?

Wenn man dagegen Fragen nachgeht, die ein attraktives Gesundheitsziel im Kohärenzmodus fokussieren, wie z.B.:
Wie können Menschen sich gesund entwickeln und ein gutes Leben leben – auch angesichts einer Bedrohung durch Viren?
Und: Wie können ExpertInnen und PolitikerInnen gut mit BürgerInnen kooperieren?

In meinem Blog findest du im Beitrag „Wie einer Pandemie begegnen?“ beispielhafte Ausführungen zu Fragestellungen. In einer kleinen „Sozialmedizinischen Fallstudie“ bin ich der Fragestellung nach einer erfolgreichen Bewältigung noch in der Schlussphase der Pandemie einmal nachgegangen, die wir in der „Studiengruppe Gesundheit“ der VDW e.V. diskutiert haben (s. letztes zusammenfassendes Kapitel der Studie). Zusammenfasend wird geschlussfolgert: „…, dass eine Bedrohung, wie sie eine Virusinfektion wie SARSCovid-19 dargestellt hat, am besten durch ein achtsames Verhalten und eine gute Selbstfürsorge der Menschen in ihrem direkten sozialen Miteinander zu bewältigen ist. Dieses achtsame Verhalten zu ermöglichen und zu fördern ist Aufgabe der Institutionen…“.

Grafik: Karikatur von Bismarck mit Peitsche und dem deutschen Michel in der Prager Zeitschrift Humoristické Listy 7.12.1878, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=112443363