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Alle Menschen, die ich kenne, sagen, dass sie Frieden wollen. Auch sonst habe ich von keinem gehört oder gelesen, dass er für Krieg ist. Wie kommt es, dass trotzdem immer wieder Krieg geführt und dafür gerüstet wird? Und warum rechtfertigen so viele Menschen den Krieg dann irgendwie und machen ihn mit? Sind das Folgen von Hirnwäsche?

Heute ist eine, allerdings nicht als solche deklarierte, kognitive/ psychologische Kriegsführung (Kriegspropaganda) recht verbreitet. Da ist die Frage nicht nur langfristig, sondern sogar sehr aktuell, ob und ggf. wie wir ganz explizit in der Sprache und damit ganz besonders in den Medien sinnvolle Friedensarbeit leisten können?[1] Wie können wir eine friedvolle Sprache kultivieren?

Psychologische Sicht auf Macht-Opfer-Muster

Psychologisch gesehen ist das Ausgangsgefühl für Krieg in aller Regel, dass man selbst oder nahe Mitmenschen Opfer einer existentiellen Bedrohung ist bzw. sind; oder dass man Angst hat, Opfer zu werden. Ein solches Gefühl von Opfer-sein entsteht auch durch Ausschluss aus einer Gemeinschaft. In Naturvölkern kam das einer Todesstrafe gleich. Für Kinder, die abhängig von der Familie sind, ist es gefühlt genauso. So entsteht dieses angstvolle Opfergefühl mit einer erhöhten Aktivität des neuroendokrinen Aversionsmodus (s. Petzold & Henke 2023) in vielen Menschen, ohne dass sie eine beobachtbare ‚objektive‘ Bedrohung erlebt haben müssen. In diesem Gefühl von Angst vor einer Bedrohung, ich nenne es Opfermodus, werden Menschen bereit zu kämpfen, um den (potentiell) bedrohlichen Täter unschädlich zu machen. In den abrahamitischen monotheistischen Religionen war und ist die Bedrohung durch Ausschluss aus dem auserwählten Volk, als Ungläubige bzw. Heiden eine ständige Quelle von Angst, die Gegenwart eines latenten Opfermodus, wenn man nicht den Anweisungen der Heiligen Schrift bzw. der Stellvertreter Gottes auf Erden befolgte.[2]

Wenn man selbst im psychologischen Opfermodus ist, hat man Existenzangst und nicht mehr das Gefühl, etwas Äußeres verlieren zu können. Gefühlt kann man in diesem Modus nur gewinnen (Zuckerbrot) – zumindest Sicherheit und Macht und Kontrolle gegenüber dem (potentiellen) Täter. In der politischen Sprache heißt es Verteidigung, und Angriff ist die beste Verteidigung. Wenn es uns gerade gut geht, werden uns Bilder gezeigt und Geschichten erzählt von Menschen, die verletzt werden. Dann finden wir aus unserem Mitgefühl (und womöglich einem unbewussten, auch kollektiven Opfermodus) heraus den Kampf zum Neutralisieren einer potentiellen Bedrohung gerecht und unterstützen den Krieg. Wenn jede Regierung nun ihrem Volk entsprechende Bilder und Geschichten von anderen Systemen vor Augen hält, werden viele BürgerInnen bereit, in den Krieg zu ziehen, aufzurüsten und für den Krieg zu spenden usw. – trotzdem sie eigentlich Frieden  wollen.

Verbales Triggern von Opfergefühlen

Im psychologischen Opfermodus ist das Fühlen und Denken des Menschen zweckmäßigerweise eingeengt auf die Bedrohung, um diese genau zu analysieren, ihre Schwachstellen zu finden und darauf, die eigene Stärke (Resilienz) aufzubauen, um die Bedrohung zu neutralisieren. Es ist die Einstellung im neuropsychischen Aversionsmodus, in dem unser Stresssystem aktiviert und die Handlungsbereitschaft erhöht ist. Dieser in bestimmten Situationen zweckmäßige Opfermodus kann also über die Sprache und Medien angeregt werden durch entsprechende Geschichten und Bilder und auch durch die Androhung von Ausschluss. Wenn kritisierende Begriffe wie Leugner, Kollaborateure mit dem Feind, PutinVersteher, rechts-populistisch, rassistisch, antisemitisch u.Ä., nicht mehr als Kritik an einer Meinungsäußerung und Aufforderung zur Diskussion gemeint sind, sondern mehr als moralisches Urteil zum Ausschluss aus der Gemeinschaft, wird die Macht-Opfer-Dynamik getriggert. So entsteht bei vielen entweder ein Gefühl von Ausgeschlossensein (Opfermodus) oder – und das ist die für die Kriegführung gewollte Wirkung – eine Angst vor dem Ausschluss, vor der Peitsche, und damit eine Aktualisierung eines alten Gefühls von Opfer-sein und Hoffnung, dass die Regierung den „bösen Riesen“ (vgl. Don Quijotes sprichwörtlichen Kampf gegen die Windmühlenflügel) bändigen wird. Das hat eine Folgsamkeit bei der Kriegführung zur Folge. Dafür winken dann zumeist noch versprochene Belohnungen (Zuckerbrot) wie Freiheit, Lob, Zugehörigkeit, Sold u.a.

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Frieden in der Sprache kultivieren

Der Sprachraum wird top-down und bottom-up gestaltet. Früher waren für die Gestaltung des Sprachraums wesentlich die SchamanInnen, PredigerInnen und RegentInnen maßgeblich. Allerdings haben auch sie sich der Sprache der einfachen Menschen bedienen müssen, wenn sie verstanden werden wollten. So kam die einfache Sprache indirekt auch in die Weisheitsbücher. Heute wird die Sprache über LehrerInnen an Schulen vermittelt und es gibt eine Jugendsprache, die sich über Peergroups und sog. social-media ausbreiten und über Jahre und Jahrzehnte Eingang in die Alltagssprache finden. Inzwischen wird das „Jugendwort des Jahres“ gekürt, das auch über viele Massenmedien verbreitet wird.

So können wir mit einer Mitgestaltung des Sprachraums beim Sprechen mit anderen Menschen beginnen – ganz gleich welchen. Eine bewusst friedvolle Sprache kann Resonanz auch bei JournalistInnen finden, die diese womöglich in ihren Medien umsetzen…

Eine friedvolle Sprache beginnt damit, dass wir

  1. Mehr über Frieden sprechen: Was bedeutet Frieden für dich und für mich und für uns? Wie können wir immer wieder in Frieden zusammenkommen? Frieden ist wertvoll. Was können wir selbst und was können PolitikerInnen für anhaltenden Frieden tun?
  2. Mehr über unsere Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen austauschen; darüber, was mir jeden Tag und im Leben allgemein Sinn macht: Was motiviert mich und was dich? Wo haben wir möglicherweise eine gemeinsame Intentionalität zu aufbauenden Zielen?
  3. Möglichkeiten der Integration von bislang Ausgeschlossenem auch von Bedrohlichem und ungewünschten Emotionen suchen – in einer übergeordneten Dimension der Biosphäre und dynamisch evolutionären Sichtweise kann alles seinen Platz finden. Frieden ist der Anspruch auf Integration/Inklusion von bisher Ausgeschlossenem unter Respektierung seiner Qualität/Information (bei weitgehendem Gewaltverzicht).
  4. Menschen in ihrem Handeln, Fühlen und Denken verstehen wollen – nicht verurteilen: Allparteilichkeit.
  5. Zur Diskussion und Kritik stehen nur die Handlungsweisen und Denkmuster – nicht die Menschen. Dazu gehört auch ein weitgehender Verzicht auf Urteilen über Menschen, moralische Schubladen, Vorwürfe, einseitiges parteiergreifen und ständiges Retten wollen, ohne gefragt worden zu sein.

Womöglich hast Du noch weitere Ideen, gute Erfahrungen und Vorschläge für eine Frieden stiftende Sprache? Bitte teile diese hier.

Bei Anna Greinetz möchte ich mich besonders für das Lektorieren und konstruktive Vorschläge zu dem Post bedanken!

Theodor Dierk Petzold

Hier ist der Link zu dem kostenlosen Vortrag „Krieg und Frieden aus psychologischer Sicht.

Informationen zur Veranstaltungsreihe „Selbstbestimmt statt Ohnmacht – Kooperieren als Ausstieg aus der Macht-Opfer-Dynamik“ findest du hier.

[1] Mit der Sprache konstruieren wir unsere Realität in unterschiedlichem Sinne, vgl. Felder & Gardt (Hg.)(2018) Wirklichkeit oder Konstruktion? Berlin: De Gruyter; www.degruyter.com.

[2] Als systemisch denkender Mensch suche ich bei Äußerungen und Beziehungen von Systemen nach dem Ursprung in den Anfängen des Systems. Gibt es dort das Thema? Deshalb habe ich angesichts des anhaltenden und immer wieder aufflammenden Krieges zwischen den (islamistischen) Hamas und der (orthodox jüdischen) israelischen Regierung nach der Geschichte Abrahams gesucht, dem Urvater der monotheistischen Religionen. Wenn die Heilung am tiefsten Punkt der Verletzung stattfindet (s. Ben Aharon zitiert von Rolf Bastian in Der Mensch 49 2/2014 S. 8f), so könnte es in Bezug auf religiös begründete Kriege beim Schöpfer der Religion sein. Wo war bei Abraham das Opferthema? Abraham war bereit, seinen Sohn auf Geheiß Gottes hin zu opfern. Dazu hatte er ihn schon am Altar festgebunden (deshalb „Bindung Isaaks“), um ihn zu töten. Gerade noch rechtzeitig kam dann ein Botschafter Gottes, der meinte, dass dieser Beweis der „Gottesfurcht“ Abrahams genüge, und Isaak leben bleiben könne. Hier ist in der Geschichte des Urvaters der drei monotheistischen Religionen schon die Botschaft, dass deine Furcht vor Gott und seiner Strafe (Peitsche) größer sein soll als die Liebe zu deinem Kind. Kinder sind hier (potentielle) Opfer und damit religiös getaufte Krieger. Das Thema der Prägung des Sprachraums durch Religionen wird das Thema des nächsten Beitrags hier sein.

Was haben Resilienz und Salutogenese gemeinsam und was unterscheidet sie?

[i] Die Antwort kurz zusammengefasst: Die Frage der Salutogenese ist die weiterführende Konsequenz aus den Ergebnissen der Resilienzforschung. Resilienztrainings haben ein implizites Paradox, das mit einer salutogenetischen Orientierung gelöst werden kann.

Wirken Fragestellungen?

Der Erfinder des Wortes Salutogenese, der amerikanisch-israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky, ist auf die Frage der Salutogenese, der Frage nach der Entstehung von Gesundheit, durch eine Resilienzforschung gekommen. Die Frage der Resilienz (bedeutet Widerständigkeit), lautet, wie Menschen trotz äußerer Stressoren wie Bedrohungen gesund bleiben können. Dabei wird gesund zunächst als zu erhaltender Zustand verstanden und nicht als ständiger Prozess in eine positive Richtung. Resilienztrainings sollen den Menschen helfen, sich gegen die alltäglichen Stressoren in der Familie, im Beruf und in der Gesellschaft allgemein wie auch in der Umwelt widerständiger zu machen; trotz der vielfältigen Bedrohungen gesund zu bleiben und möglichst zu überleben.

Ursprung der Salutogenesefrage

Antonovsky hat angesichts der Ergebnisse seiner Resilienzforschung bei Frauen in Israel, die den Holocaust überlebt hatten, die Resilienzfrage zur Salutogenesefrage erweitert und vertieft. Er hatte Frauen interviewt, die sich trotz des Wahnsinnsstresses im Holocaust noch über dreißig Jahre lang nicht nur resilient gezeigt haben, sondern sich zudem psychisch und körperlich weiter gesund entwickelt haben. Die resilienten Frauen hatten die Eigenschaften und Fähigkeiten gezeigt, sich ihre innere Lebensorientierung auf kohärente, ihnen bedeutsame, sinnhafte Ziele zu bewahren, sich handlungsfähig zu fühlen und ein Verstehen von Zusammenhängen zu haben. Diese innere primäre Lebensorientierung in Richtung Kohärenz haben sie sich vom KZ-Stress nicht nehmen lassen.

Daraus hat er die Salutogenesefrage allgemeiner gestellt und von den Stressoren wie dem KZ und dem Bewahren eines fixen Zustands abgelöst. Die innere Lebensorientierung auf Kohärenz bezieht eine Veranlassung zur gesundheitsförderlichen Gestaltung der Umgebung wie auch Umwelt mit ein. Die Frage nach dem Mitgestalten eines guten Leben stellen Menschen sich spätestens dann, wenn sie sich resilient und stark genug fühlen. Oder wenn sie von vornherein meinen, dass es in ihrem Leben primär nicht um eine persönliche Schutzhülle, einen Schutzpanzer geht, sondern viel mehr um eine Mitgestaltung eines guten Lebens – womöglich für alle.

Resilienz: ein persönlicher Schutzpanzer?

Bei dem Bild von Resilienz als persönliche Panzerung kommen mir Ansätze der humanistischen und körperorientierten Psychotherapie in den Sinn, wo wir in den 1980er Jahren bemüht waren, unsere Charakterpanzer aufzulösen, um in persönlichen liebevollen Kontakt miteinander kommen zu können. Gehen Resilienztrainings jetzt den umgekehrten Weg zur Panzerung des Menschlichen?

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Mit einer salutogenetischen Orientierung geht es uns also primär um ein gutes Leben, wozu auch gute Lebensbedingungen gehören. Auf diesem Wege ist es oft auch hilfreich, widerstandsfähig gegen Bedrohungen zu sein. Aber wir streben primär nicht danach, Menschen für Kriegseinsätze in Afghanistan zur Prävention von Posttraumatischen Belastungsstörungen resilient zu machen, wie es das Pentagon mit Hilfe von PsychologInnen und Psychopharmaka versucht hat, und auch nicht primär für ein gesundes Überleben möglicher KZs oder schlechter Arbeitsbedingungen. Sondern wir streben primär danach, Frieden zu stiften und gute Lebens- und Arbeitsbedingungen zu gestalten.

Der neuro-motivationale Unterschied

Mit den Fragen nach der Resilienz und der Salutogenese werden im Menschen zwei unterschiedliche neuro-endokrine Motivationssysteme[ii] angesprochen: Mit der Resilienzfrage wird das Aversionssystem aktiviert, das sich gegen den Stressor richtet und uns in einen erhöhten Spannungs-/Stresszustand versetzt. So kann ein primäres Streben nach Resilienz selbst Stress und längerfristig damit chronische Erkrankungen befördern.

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Die Salutogenesefrage hingegen regt unser Kohärenzsystem an, das uns nach Stimmigkeit im Innen und im Außen streben lässt. Im Kohärenzmodus fühlen wir uns gelassen. Wir sind im Urvertrauen und wollen unsere Umwelt immer wieder möglichst stimmig mitgestalten. So hat Antonovsky bei der Salutogenese von einer anderen Lebensorientierung gesprochen.

Ein gutes Zusammenspiel von Kohärenz und Resilienz zum gelingenden Leben

Im Grunde geht es um ein gutes Zusammenspiel unserer neuro-endokrinen Motivationssysteme. Die Kohärenzmotivation soll in der Regel und langfristig die maßgebliche sein, da diese auf lange Sicht gesünder und für ein gelingendes Leben wertvoll ist. Die Aversionsmotivation wird gebraucht, um bei akuter Bedrohung wieder Sicherheit herzustellen. Wenn der Verteidigungs- oder Widerstandsmodus aber längere Zeit stark aktiviert ist, kommt es leichter zu chronischen Erkrankungen – sowohl psychisch als auch körperlich. So zeigen heute auch Ergebnisse der Resilienzforschung, dass es gut ist, sinnhafte Ziele im Leben zu haben. Diese positiven Ziele dürfen sich allerdings nicht einer Widerstandsmotivation unterordnen, sondern sollen die übergeordnete Intentionalität prägen. Wir brauchen eine zugrundeliegende Gelassenheit und immer wieder Phasen der Ruhe im Kohärenzmodus, wo wir in Stimmigkeit im Vertrauen sind und Freude und Sinn im Leben empfinden können.

Praxis zur Kohärenz

Mit einer salutogenetischen Lebensorientierung und der Salutogenen Kommunikation, wie sie auch im Stressmanagementkurs TSF „Rund um stimmig und gesund“ geübt wird, fördern wir unsere Fähigkeit, primär und immer wieder in den Kohärenzmodus zu gelangen. Wir tauschen uns über unsere positiven Anliegen aus, vertiefen und differenzieren unsere Selbstwahrnehmung durch Fragen, erhöhen unsere Handlungsfähigkeit und lernen aus unserer Reflexion für ein gutes Leben.

Die Salutogenese löst das Paradox der Resilienz mit einem anderen nur scheinbaren Paradoxon auf: Wenn wir positive Kohärenzziele im Leben verfolgen, werden wir ganz nebenbei auch resilienter gegen Stressoren. Diese Möglichkeit haben schon Friedrich Nietzsche und Victor Frankl gesehen, wenn sie gesagt haben: „Wer ein Wozu im Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“

[i] Playmobil: Novelmore – Kampfroboter

[ii] Petzold TD, Henke A (2023) Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Leben. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung – www.geen.de.

Zurzeit gibt es auf vielen Ebenen Initiativen zur Aufarbeitung der Pandemie. Im Bundestag wurde eine Enquete-Kommission gefordert. Der Chef-Virologe Drosten wurde heute (11.7.23) in der lokalen Zeitung mit Aussagen auf einem Symposium des hessischen Sozialministeriums derart zitiert, dass es keine besonderen medizinischen Lehren aus der Pandemie für weitere Pandemien gebe, da das Corona-Virus einzigartig sei. Nur in Bezug auf die Politik und die Kommunikation sollten Lehren gezogen werden… Inzwischen hat ein EU-Sonderausschuss schon kritische Ergebnisse vorgelegt und einen „ganzheitlichen Ansatz zur Pandemieprävention“ empfohlen. Dabei denkt sie allerdings noch immer nur an „Handlungsgrundsätze zur Bekämpfung, Vorbereitung, Verhütung und Reaktion auf Pandemien“ und nicht an primär gesundheitsorientierte Fragestellungen.

Andere kritische Ansätze zur Aufarbeitung

Eine große Gruppe von WissenschaftlerInnen aus dem Gesundheitsbereich wie aus dem EbM-Netzwerk (Evidenzbasierte Medizin) hat als „Initiative Pandemieaufarbeitung“ in ihrem „2. Offenen Brief“ drei Punkte hervorgehoben, in denen sie starke Brüche im wissenschaftlichen Diskurs durch den Umgang mit der Pandemie sieht: In der Evidenzbasierung, der Patienten-Autonomie und einem demokratischen Führungsstil („Governance“) statt nur Top Down. Dabei haben alle Aspekte, insbesondere die Bedeutung und Achtung der Autonomie, medizinische Relevanz. Wie auch die Kommunikation sind sie wichtige gesundheitliche Aspekte.

Außerdem gibt es weitere Papiere zur Pandemieaufarbeitung, wie die „Wiener Thesen“, die „Berliner Thesen“ und andere. Jeweils nennen die AutorInnen die ihnen wichtig erscheinenden Stärken und Schwächen bzw. Konzepte der Pandemiebewältigung. Dabei kommt eine Sammlung von mehr oder weniger wichtigen Aspekten zusammen, allerdings keine überzeugende gemeinsame Orientierung. Die Intention und Ausrichtung der einzelnen Beiträge ist mehr implizit und hinter den genannten Aspekten zu ahnen. Die subjektiv und metativ (=metasubjektiv) nach Wissenschaftsdisziplin (Virologie, Mathematik, klinischer Medizin, Allgemeinmedizin, Pflege, Public Health, politischer Parteien u.a.) geprägten Beiträge passen nicht ohne Weiteres zusammen. Es fehlt die gemeinsame übergeordnete Fragestellung; und entscheidend: die menschliche Motivation zur Gesundheit – unser implizites Entwicklungsstreben zu einem guten Leben, das mehr und meistens etwas anderes ist, als das Abwenden von Krankheiten.

Angstgeleitete oder gesundheitsorientierte Fragestellungen?

In der Wissenschaft ist die Fragestellung das Wichtigste, wie schon Antonovsky (1997) zur Salutogenese geschrieben hat. Die Fragestellung ist für das Design und für das Ergebnis der einzelnen Studien maßgeblich. So werden die Ergebnisse der Betrachtungen und Untersuchungen je nach Fragestellung sehr unterschiedlich sein.

Ist die Fragestellung angstgeleitet im Aversionsmodus formuliert (zum Vermeiden der „Peitsche“), z.B.: Wie können Tote verhindert werden? Wie kann das Virus bekämpft werden? Wie können wir unsere politische Position bzw. unser System verteidigen? Wer hat Recht?

Oder ist sie aus einer gierigen Appetenzmotivation gestellt, wie beispielsweise: Wie verdiene ich das meiste Geld in der Krise?

Wenn man dagegen Fragen nachgeht, die ein attraktives Gesundheitsziel im Kohärenzmodus fokussieren, wie z.B.:
Wie können Menschen sich gesund entwickeln und ein gutes Leben leben – auch angesichts einer Bedrohung durch Viren?
Und: Wie können ExpertInnen und PolitikerInnen gut mit BürgerInnen kooperieren?

In meinem Blog findest du im Beitrag „Wie einer Pandemie begegnen?“ beispielhafte Ausführungen zu Fragestellungen. In einer kleinen „Sozialmedizinischen Fallstudie“ bin ich der Fragestellung nach einer erfolgreichen Bewältigung noch in der Schlussphase der Pandemie einmal nachgegangen, die wir in der „Studiengruppe Gesundheit“ der VDW e.V. diskutiert haben (s. letztes zusammenfassendes Kapitel der Studie). Zusammenfasend wird geschlussfolgert: „…, dass eine Bedrohung, wie sie eine Virusinfektion wie SARSCovid-19 dargestellt hat, am besten durch ein achtsames Verhalten und eine gute Selbstfürsorge der Menschen in ihrem direkten sozialen Miteinander zu bewältigen ist. Dieses achtsame Verhalten zu ermöglichen und zu fördern ist Aufgabe der Institutionen…“.

Grafik: Karikatur von Bismarck mit Peitsche und dem deutschen Michel in der Prager Zeitschrift Humoristické Listy 7.12.1878, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=112443363

Veranstaltungen

Salutogene Psychodynamik der Bedürfniskommunikation in Ich-Dimensionen

Themen von C1 sind: Die individuelle gesunde Entwicklung in Ich-Dimensionen – Systemisches und Neuropsychologisches;
1. und 2. Ich-Dimensionen, motivationale Einstellungen und Beziehungsmuster;
3. und 4. Ich-Dimension; Musterbildungen zur Kooperation – die Grundlage von Entwicklung und kultureller Evolution;
Imaginierte Dialoge: Internalisierte Muster externalisieren zum Lernen neuer Kommunikationsmuster an tiefenpsychologisch wirksamer Stelle – Rolle des Beraters;
Meditation als besondere Weise der Kommunikation; Schulung des inneren Beobachters

Allgemeines zur Aufbauausbildung:

Aufbauend auf die BeraterInnen-Ausbildung geht es in dieser Ausbildung um eine psychodynamisch und systemisch wirksame Gesprächsführung. Grundlage ist die Psychodynamik gesunder Entwicklung, wie sie von TD Petzold entwickelt wurde.

Die Aufbauausbildung zum SalKom®-Coach bzw. SalKom®-Therapeut umfasst sechs Wochenendkurse (C1-6) oder drei 5-Tage-Kurse (CI -CIII). Als SalKom®-Coach/-TherapeutIn (je nach Beruf) werden Sie in Ihren Therapien bzw. Beratungen psychodynamisch wirksame, ggf. systemisch übernommene Kommunikationsmuster salutogen lösen und erweitern können.

Zum Abschluss des Aufbautrainings und zur Erlangung des Zertifikats SalKom®-Coach/-TherapeutIn sind außer den Seminaren mit Einzeltherapie noch Supervisionen und eine schriftliche Abschlussarbeit zu Fragen der salutogenen Kommunikation und Psychodynamik erforderlich. Jedes der sechs Module ist eine in sich abgeschlossene Einheit und kann in unterschiedlicher Reihenfolge belegt werden.

Alle Module der Aufbauausbildung sind mit Fortbildungspunkten von der Ärztekammer Niedersachsen akkreditiert.

Mehr Informationen und Curriculum hier.

Anmeldung hier.

Beim Entwicklungs- und Supervisions-Seminar lernen wir voneinander in Beratungen bzw. therapeutischen Gesprächen, die unter Anleitung eines Supervisors von der Gruppe als Salutogenic Reflecting Team SRT supervidiert werden. Das SVEW dient zum einen als Möglichkeit zur Life-Supervision für SalKom®-BeraterInnen, -Coaches und -TherapeutInnen und zum jährlichen Anregen und Aktualisieren eigener salutogener Gesprächsführung. Auch professionelle Therapeutinnen können an diesen Wochenenden als Gast die Salutogene Kommunikation in der Praxis kennen lernen. Gerne können auch KlientInnen eine kostenlose SalKom®-Beratung vor der Gruppe bekommen.

Zum anderen dient das SVEW zur Weiterentwicklung der SalKom® durch Vorstellung neuer Erkenntnisse und Erfahrungsaustausch. Eine jährliche Teilnahme an einem SVEW empfiehlt sich für alle SalKom®-BeraterInnen.

Kosten 370,00 Euro (inkl. Raumkosten und Snacks), wenn außerhalb der SalKom-Ausbildung.

Anmeldung hier.

Kommunikation in Kohärenzübergängen

Themen: Das neuro-motivationale ‚Kohärenzsystem‘ und motivationale Hierarchien; Attraktiva in mehreren Lebensdimensionen als Leitbilder in Übergängen;
Prägende Erfahrungen rund um die Geburt – Reinszenierung der Geburt – des Übergangs ins Leben;
Biografische Kohärenzübergänge meistern durch neue Kommunikationsmöglichkeiten;
Kohärenzübergänge bei Erkrankung und Genesung;
Soziale und kulturelle Kohärenzübergänge – das Leben in der Sprache mitgestalten;

Alle Module der Aufbauausbildung sind mit Fortbildungspunkten von der Ärztekammer Niedersachsen akkreditiert.

Mehr Informationen und Curriculum hier.

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Trauma-Verarbeitung und andere Lösungen aus dem Macht-Opfer-Dreieck-Beziehungsmuster

Trauma-Erfahrungen, ihre normale Verarbeitung und ihre Erlösung; Menschen mit ungelöster Verbundenheit im Macht-Opfer-Dreieck brauchen Beziehungserfahrungen im Kohärenz- und Annäherungsmodus; Zerstörerische Muster aufgeben und den Willen zum Leben wirken lassen; Auflösung früh erlebter Macht-Opfer-Dreieck-Beziehungsmuster auch systemisch vererbter; Macht-Opfer-Dreieck in Organisationen und anderen Systemen;

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Paradoxien, Humor und Lösen von Ambivalenzkonflikten

Themen: Entstehung von Doppelbindung und Paradoxien im Erleben;
Lösen von hemmenden Regulationsmustern, die durch kommuni­kativ hergestellte Doppelbindung entstanden sind – Lösen von Annäherungs-/Abwendungskonflikten mit Imaginationshilfen;
Paradoxe Interventionen auf kooperativer Basis;
Bedeutung und Einsatz von Humor im Therapieprozess;
Erschließung eigener Ressourcen / einer Meta-Perspektive für die praktische Arbeit

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Symptomarbeit bei sog. chronischen Erkrankungen

Themen: Anhaltender Stress (oft Macht-/Opfererfahrung) fördert ‚chronische‘ Erkrankungen und erfordert Innehalten und Autonomieentfaltung;
die heilsame, wegweisende Information von Symptomen – kommunikative Anregung der Selbstheilung bei langwierigen (‚chronischen‘) Erkrankungen (körperlich, emotional, mental, geistig);
Auflösung von Opfer-Täter-Retter/Richter-Beziehungen bei langwierigen Erkrankungen;
Salutogene Veränderung von hinderlichen / stressenden Kommunikationsmustern / -strukturen in Teams und Institutionen;
Salutogene Mitgestaltung der Sprache und anderer kultureller Zeichensysteme

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