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Die Freude über einen Gedanken kürzlich hält weiter an. Beim Nachsinnen über eine übergeordnet integrierende Perspektive auf Evolution und gesunde Entwicklung ging mir auf, dass die gesunde Entwicklung des Menschen genau wie auch die Evolution der Lebewesen im Grunde ein kleiner bzw. großer Schritt der Selbstverwirklichung des Geistes in der Materie ist.

Diesen Gedanken fand ich äußerst passend. So dass ich dachte, dass den bestimmt schon Menschen vor mir gedacht haben. Denn der Geist – verstanden als gänzlich abstrakte, attraktive und komplexe Informationen („Attraktiva“) – verwirklicht sich unter vielem anderem in stimmigen Gedanken.

Und: Ja, es gibt ein Buch vom Philosophen Richard Kroner von 1928 mit eben diesem Titel: „Die Selbstverwirklichung des Geistes“. Der Gedanke fasst Hegels Ausführungen in seiner „Phänomenologie des Geistes“ (1807) zusammen. Hegel wie Kroner beziehen allerdings diese Selbstverwirklichung primär auf menschliches Erkennen und Kultur, in der sich der Geist verwirklicht. Dazu passt unsere Frage für kokreative Gespräche: Was wollen wir kultivieren? Das Streben des Geistes sorgt dabei dafür, Widersprüche zu lösen und eine Einheit herzustellen. Hier gibt es eine Analogie zum Kohärenzstreben der Selbstregulation und unserer Hirnfunktion (s. a. Metatheorie und  Motivation).

Mir tut der Gedanke gut, das Leben, sowohl ganz allgemein als auch im Konkreten, als Selbstverwirklichung des Geistes zu verstehen. Ich kann so mein Leben genau wie das aller anderen Menschen und Lebewesen als Teil dieser großen Selbstverwirklichung im evolutionären Vollzug verstehen und als stimmig empfinden. Ich bin im informierenden Fluss dieses sich selbst verwirklichenden, geistig-materiellen Lebensstromes ein aktives Wesen. Mein individuelles Bewusstsein ist dabei ein Vermittler, der in Resonanz zum „großenGeist sich diesem anzunähern strebt. Mit Geist sind auch die Informationen gemeint, die die Beziehungen von Menschen zu ihren Mitmenschen und Umwelt prägen.

In diesen Beziehungen zwischen den Teilsystemen sowie in der Kommunikation zwischen ihnen zeigt sich die Kohärenz der Systeme (s. a. letzten Post). Zum Beispiel kommunizieren Familienmitglieder in der Regel viel zum Zusammenhalt der Familie, BürgerInnen zum Gedeihen der Kommune, MitarbeiterInnen zum Erfolg ihrer Firma und heute Menschen weltweit zum guten Umgang mit der Biosphäre. Differenziertes Bewusstsein entwickelt sich im kokreativen Flow mit Mitmenschen. Dieses Bewusstsein sowie der kokreative Flow sind Aspekte des sich selbst verwirklichenden Geistes.

Dabei spielt die Sprache eine wichtige Rolle. Mit ihrer Hilfe können wir sehr differenziert Gedanken kommunizieren und gemeinsam immer wieder auf ihren Wahrheitsgehalt, auf ihre Übereinstimmung mit Bedürfnissen wie auch Beobachtungen und Reflexionen hin überprüfen. Mit Hilfe der Sprache können wir insbesondere auch unsere Ziele wie Motive kommunizieren. Dadurch können wir bei gemeinsamer Intentionalität zielorientiert kooperieren. Dienen die Sprache sowie unsere Kooperationen also der Selbstverwirklichung des Geistes? Bringen sie uns dem Geist näher?

Meine grundlegende These ist: Wenn wir uns in den Flow der Stimmigkeit begeben oder diesen suchen, sind wir im Strom der Selbstverwirklichung des Geistes. So begeben wir uns in der kokreativen Kommunikation in eben diesen gemeinsamen Fluss, in dem sich unser Dasein dem Sein des Geistes annähert. 

Abb. aus Petzold (2022) Schöpferisch kommunizieren. Aufbruch in eine neue Dimension des Denkens.