[1] In einer subjekt-entleerten naturwissenschaftlich-technischen Sprache geht es angeblich nur um eine ‚objektive‘ Beschreibung von ‚Fakten‘. Für das Funktionieren der Technik sind diese Fakten maßgeblich. Wo aber bleibt dabei der Mensch, der das alles erfunden und hergestellt hat und über den Gebrauch entscheidet?

Angesichts des Unterschiedes zwischen messbaren Detailfakten und der Deutung dieser Messergebnisse kommt schon der Mensch, das lebendige Subjekt, in den Mittelpunkt der Betrachtung. Er ist der einzige, der die Deutung sinnvoll vornehmen kann. Dabei ist der Unterschied zwischen messen und deuten nur ein gradueller und kein ausschließlicher entweder-oder. Denn schon in der Art des Messens ist ein Stück Interpretation impliziert. In der Quantenphysik ist das vor fast 100 Jahren lange und viel diskutiert worden an der Frage, ob Photonen Wellen oder Teilchen seien – je nach Messmethode kam man zu einem unterschiedlichen Ergebnis.

Subjektiv, intersubjektiv, metativ

So sind sich heute Wissenschafts- und ErkenntnistheoretikerInnen weitgehend einig, dass es eine „Objektivität“ im Sinne von wahr im Gegensatz zu „Subjektivität“ als unwahr nicht gibt. Deshalb sprechen sie heute von „intersubjektiv“. Damit wird ausgedrückt, dass Erkenntnisse von verschiedenen Subjekten wahrgenommen und erkannt wurden oder werden können. Insgesamt ist die Verwendung dieses Begriffes aber recht diffus und unterschiedlich. So schlage ich den Begriff „metativ“ anstelle von „objektiv“ vor, um zu bezeichnen, dass eine Erkenntnis von mehreren, also von einem Metasubjekt erkannt wurde[2]. Hilfreich dazu ist dann die Angabe, welches Metasubjekt die Erkenntnis hatte: eine Familie, ein Gremium von WissenschaftlerInnen, eine Partei, eine wissenschaftliche Fachrichtung, eine Kultur …?

Mit metativ wird das Subjekt des Wahrnehmens, Erkennens, Denkens und Kommunizierens wertgeschätzt und gleichzeitig so relativiert, wie es erkenntnistheoretisch angemessen erscheint.

In den letzten Jahren sind wir mit angeblich wahren objektiven ‚Fakten‘ nicht nur in der Naturwissenschaft, sondern auch in der Medizin und Politik konfrontiert worden, als es darum ging, was die Corona-Viren sind und was sie für unsere gesunde Entwicklung bedeuten. Dabei wurde Mehreres klar. Zum einen ganz besonders, dass es wichtig ist zu wissen, von welchem Metasubjekt die Messungen und Studien stammten: z. B. von den von Impfungen profitierenden Metasubjekten oder von unabhängigen ForscherInnen? Zum anderen, dass wir die vielen verschiedenen Messergebnisse und Studien nur halbwegs sinnvoll und angemessen deuten können, wenn wir die vielfältigen Interaktionen zwischen Viren und den menschlichen Subjekten, auch den kollektiven Metasubjekten, verstehen. ‚Ver-stehen‘ bedeutet, nicht mehr in einem direkten affektiven Bezug mit dem Geschehen zu stehen (wozu Bekämpfen und Profitieren gehören), sondern in einer Distanz aus einer anderen, reflektierten Perspektive zu sehen[3].

Subjektives Fühlen als Lösung?

Sprache ohne Subjekt mit dem Anspruch auf objektive Wahrheit und Richtigkeit (wie sie heute noch an vielen Unis, auch in medizinischen Fakultäten verlangt wird – im Unterschied zu Wahrhaftigkeit und Authentizität) ist eine rechthaberische und damit verdeckt machtergreifende (oft als „patriarchalisch“ kritisierte) Sprache, die Unantastbarkeit suggeriert. Sie fordert und fördert ein Anpassen der Menschen an die Technik und digitale Sprache. Damit ist sie Wegbereiterin für das gesellschaftliche Top-down-Wirken der KI, die die Qualitäten des menschlichen Subjekts nicht hat, nicht reflektierend integrativ zurückschalten und mitfühlen kann.

Andersherum sind das menschliche Subjekt und seine lebendige von lebendiger Intelligenz formulierte Sprache auch die Mittel, um die KI sinnvoll zu nutzen, anstatt sich einem Missbrauch durch KI auszuliefern.

Die Dominanz einer naturwissenschaftlich-technischen subjektlosen Sprache hat heute zu einer Gegenreaktion geführt, in der die Gefühle und damit etwas Subjektives, kaum zu Entäußerndes, den Maßstab aller Dinge geben sollen. So prägen emotionale wie moralische Geschichten aller Art populistisch die Medienkommunikation. Dabei spielen die Emotionen, die in der Macht-Opfer-Dynamik (s. Beitrag vom 3.1.2024) auftreten, leider Hauptrollen. Die Schlagzeilen in vielen Medien betreffen meist Krisen, Kriege und andere Bedrohungen wie Rechtstreite. Sie sind also überwiegend aversiv (s. Beitrag vom 22.12.2023). Die Fernsehprogramme bestehen weitgehend aus Krimis und Konsum-Soaps zur Stress-Kompensation.

So scheint das von den Naturwissenschaften in seiner Bedeutung missachtete lebendige menschliche Subjekt[4] auf fragwürdig affektive Art und Weise durch die Hintertür wieder aversiv und zerstörerisch sowie konsumsüchtig auf die kulturelle Bühne zu treten.

Ist heute ein neues Mittelalter?

Im Mittelalter brauchte das Denken in alten religiösen Dogmen der christlichen Kirchen eine große Erneuerung, weil es das damals aufkommende materiell kausale naturwissenschaftliche Denken nicht integrieren konnte.[5] Heute scheint es andersherum zu sein: das Denken in alten naturwissenschaftlichen Dogmen von materieller Kausalität kann das lebendige neue und kokreative Denken in komplexen Dynamiken, Systemen und Lösungen und der Wirksamkeit von attraktiven Informationen wie Geist nicht integrieren.

Anscheinend reicht vielen heute die vorhandene und allseits bekannte wie erfahrbare Zerstörung der Umwelt und Menschlichkeit noch nicht, um sich für ein neues Denken zu öffnen. Wird es angesichts dieser Zerstörungen nicht dringend erforderlich, dass wir unsere eigenen zerstörerischen Dynamiken reflektieren und verändern? Und neue aufbauende und gesundheitsförderliche kultivieren? Die großen aktuellen Krisen, wie die Umwelt- und Klimakrise wie auch die Kriege haben wir selbst gemacht. Wir brauchen dringend ein Besinnen auf uns selbst: Wo liegen die Neigungen zur Zerstörung in mir und uns und wo die Ressourcen und Fähigkeiten zu heilsam aufbauendem Kooperieren? Diese Reflexion und Besinnung braucht es sowohl individuell und kollektiv, sowohl jeder für sich, in kleinen Gruppen, größeren Zusammenhängen als auch national und global. Dazu gehört auch eine Reflexion der Kommunikation – ganz besonders der Massenkommunikation über Medien. Dabei können neue Vorgehensweisen nur von Subjekten kokreativ mit lebendiger Intelligenz kommen.

Das Subjekt in der Sprache neu kultivieren

Gibt es einen stimmigen Zugang zum Subjekt und Subjektiven, der mich in meiner Wechselbeziehung zur Umwelt passend reflektierend integriert? Wo ich meine zerstörerischen Muster bewusst regulieren kann und meine kokreativ aufbauenden Fähigkeiten förderlich kultivieren kann?

Wo ich mich weder liquidiere noch überhöhe, sondern mich mit all meinen Motiven und Fähigkeiten in kokreativer Kooperation mit Mitmenschen, der Umwelt wie Natur fühle und reflektiere, von der ich selbst ein Teil bin?

Aus den langjährigen Erfahrungen im sehr kreativen Gemeinschaftsleben in Hannover und Heckenbeck sowie explizit beim Kultivieren Salutogener Kommunikation hat sich für mich gezeigt, dass es sehr hilfreich ist, immer wieder nach der eigenen Motivation und Intentionalität zu fragen, welches Bedürfnis und Anliegen ich habe, was mir wirklich bedeutsam ist, wohin ich mich in und mit der mehrdimensionalen Umwelt entwickeln will. Und dass wir uns über unsere Motive und Intentionalität austauschen und abstimmen.

Theodor Dierk Petzold

[1] Grafik aus: https://www.philoclopedia.de/einzeldisziplinen/quantenphysik/welle-teilchen-dualismus/

[2] Petzold TD (2001) Objektivität, Subjektivität und Arzt-Patienten-Beziehung. In: Erfahrungsheilkunde EHK 2/2001, S.71-81.   https://gesunde-entwicklung.com/wp-content/uploads/2021/10/Petzold-objektivitaet-subjektivitaet-und-arzt-patienten-beziehung-EHK-2001.pd-f-1.pdf

[3] vgl. a. Beitrag vom 5.10.2023 und die motivationalen Modi in Petzold & Henke (2023) Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Leben. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung.

[4] Z. B. sehr konsequent im Lehrbuch „Biopsychologie“ des Menschen von Pinel et al 2019

[5] Angenommen wir befinden uns heute in einer vergleichbaren Übergangssituation wie zum Ausklang des Mittelalters. So wie damals die Dogmen des christlichen Glaubens in den kirchlichen und weltlichen Machtstrukturen sich verhärteten und zu grotesken Erscheinungen wie der Inquisition führten, so scheinen heute die Dogmen der alten Naturwissenschaften mit ihrem Glauben an materiell-lineare Kausalitäten zu ihrer institutionellen Machterhaltung zu inquisitionsähnlichen Kampagnen zu führen. Dazu war bzw. ist das Rechthaben, materiell kausale Beweisen von Fakten und Urteilen über gut und böse, richtig und falsch essentiell.

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