Wie „Ansteckung“ bei unterschiedlichen Motivationen verläuft

Theodor Dierk Petzold

Vielen Dank noch mal an Dr. Herrmann, dem Vorsitzenden von KLUG e.V., der das hoffnungsvolle Thema der gesunden Ansteckung ins Salutogenese-Symposium am 18.2.23 eingebracht hat. Er führte an, dass es nur ca. 3,5% der Menschen braucht, um ggf. große Transformationen anzustoßen. Eine Teilnehmerin hatte darauf zu bedenken gegeben, dass es ja auch negative Ansteckung gäbe. Das hat mich veranlasst, dieses Thema differenzierter unter der Lupe der drei Grundmotivationen zu betrachten.

In allen drei Grundmotivationen gibt es „Ansteckung“:

  • Abwendungs- / Aversionsmotivation (Angst, Kampf oder Flucht, ‚Peitsche‘)
  • Annäherungs- / Appetenzmotivation (Lust, Belohnungen, ‚Zuckerbrot‘)
  • Kohärenzmotivation (Heiterkeit, Gelassenheit)

Angst kann sehr ansteckend sein (Abwendungs-/Aversionsmotivation).

Das hat auch einen Sinn. Wenn einer eine Gefahr wahrnimmt, besteht die Reaktion von vielen in der Nähe, dass sie auch weglaufen oder kämpfen – selbst wenn sie die Gefahr noch gar nicht wahrgenommen haben. So können sie auch ihr Leben retten, indem sie dem ersten so weit vertrauen, dass seine Angst einen Grund hatte und ihm folgen, um in Sicherheit zu kommen.

Wenn man merkt, dass die Gefahr gar nicht so groß oder eine Täuschung war, dass man also nicht hätte weglaufen oder schießen oder aufrüsten müssen, lernt man daraus: Dem glaube ich in Zukunft nicht mehr so leicht.

So ist es für jeden Menschen, jede Gesellschaft in jeder Generation ein neuer lebenslanger Lernprozess: Die aktuellen und vorhergesehenen Gefahren richtig einzuschätzen und angemessen zu reagieren. Wenn ich die Angst des anderen nicht ernst genug nehme, kann es sein, dass ich selbst Opfer dieser Bedrohung werde. Wenn ich mich aber zu leicht von Angst anstecken lasse und überreagiere, kann ich mich selbst in unnötigen Stress und in Gefahr bringen und je nach Reaktion auch andere gefährden.

Verlockende Ziele können ansteckend sein (Annäherungs-/Appetenzmotivation)

Im Annäherungs-/Appetenzmodus ist lautes Lachen wie auch lustgesteuerte Aufmerksamkeit ansteckend. Es hat den Sinn, dass man sich einem anschließt, der eine Nahrungsquelle geortet hat – auch wenn man sie selbst noch nicht wahrgenommen hat. Diese Ansteckung im Appetenzmodus erhöht die Wahrscheinlichkeit, verlockende Annäherungs-ziele zu erreichen. Sie ruft gelegentlich Neid hervor und führt zum Wetteifern um ein Lustobjekt, eine Belohnung und ggf. auch zu Gier und Kampf um attraktive Objekte und Ressourcen und/oder zu Eifersucht oder anderen Süchten.

Wie ansteckend ist Gelassenheit und Heiterkeit? (Kohärenzmotivation)

Die beiden genannten Ansteckungen entstehen meist schnell und halten auch nur für kurze Zeit. So wie das Ziel erreicht ist: die Gefahr abgewendet wurde oder verschwunden ist bzw. das attraktive Objekt vereinnahmt wurde, kommt es leicht zu Frustrationen und Konflikten bis hin zu Kämpfen untereinander. Womöglich hilft Gähnen, um innerlich aus diesen Hamsterrad-Modi auszusteigen und zur Ruhe zu kommen. Auch der Ruhemodus kann ansteckend sein.

Die Ansteckung im Kohärenzmodus erfolgt nicht über die Wahrnehmung einer Bedrohung oder der Erwartung einer Belohnung, sondern eher im Gefühl der Geborgenheit, oder im Einvernehmlich-Sein, eine intentionale Verbundenheit in Gelassenheit und Dankbarkeit, eine tiefe seelische Verbundenheit. Dazu gehören Emotionen, also Gefühle, die uns besonders bewegen, wie hier insbesondere Freude und Trauer. Wobei Trauer den Abschied von sinnlicher Verbindung begleitet und hin zu einem Bewusstsein einer tieferen und abstrakteren Verbundenheit leiten kann – bis hin zu Freudentränen. Auch innere Heiterkeit und Humor, ethische Werte und praktische Erfahrungen fairer Kooperation können uns im Kohärenzmodus anstecken. Der Kohärenzmodus ist auch ein Modus der Würde und Autonomie, die sich in der Tiefe wohl nicht manipulativ herstellen lässt, sondern eher durch Wahrhaftigkeit und Authentizität überträgt.

Wovon und wozu willst du dich anstecken lassen?

Womit und wozu möchtest du andere anstecken?

(Bildquelle: https://www.pinterest.de)

Trag dich ein, um immer auf dem aktuellsten salutogenen Stand zu sein.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

1 Kommentar
  1. Sandra Kunz
    Sandra Kunz sagte:

    Meine spontanen Gedanken dazu: Ich glaube, dass „lebendig zu sein“ ausreicht um bereits angesteckt zu sein (mit dem übergeordneten Kohärenzmodus). Es wird fühlbar im Streben nach Allverbundenheit in der Akzeptanz meiner Individualität, im Streben nach Zufriedenheit und den Wunsch diese mit Menschen zu teilen, in der freudvollen Verbundenheit mit Tieren, Pflanzen, Menschen der Biospähre…. – hier wird möglicherweise der Grad der Ansteckung sichtbar, spürbar und immer bewusster erlebbar, wobei die beiden anderen Modi mich unterstützen wollen/sollen/können dies zu erkennen.

    Antworten

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert